Sparen die Griechen? Krisenvokabular auf dem Prüfstand

Maria Tsoukis , 09.09.2015

„Gestern haben der Kostas und ich seinen selbstgemachten Wein getrunken, und am Ende hat er mir noch eine ganze Flasche geschenkt“ Spendieren und Teilen sind typisch griechisch; Mit dem Wort Sparen sollte man allerdings aufpassen.

In Deutschland hat das Sparen eine lange Tradition. Schon ein Dreijähriger besitzt ein Sparschwein oder eine Spardose. Auch ein Sparkonto bei der Sparkasse (oder der Sparda Bank) gehört zur Grundausstattung eines normalen Deutschen. Sparen gilt als Tugend, und wer sparsam ist, ist schlau. Gespart wird heutzutage nicht nur Geld, sondern auch Zeit, Energie, Kraft und vieles mehr. Somit sollte das Wort „sparen“ eigentlich erst einmal keine negativen Assoziationen hervorrufen.

Das gilt auch für Griechenland. Nur wird das Sparen hier nicht ganz so hoch geschätzt wie in Deutschland. Man spart hier nicht „auf etwas“: Üblicherweise kauft man auf Kredit und zahlt im Nachhinein statt im Voraus. Das Ansparen von Geld auf einem Sparkonto bei der Bank kennen sowieso gerade mal die letzten zwei Generationen von Griechen. Und wer versucht, weniger auszugeben, gilt als knauserig.

Denn die griechische Tugend heißt Großzügigkeit. Das war schon immer so. Wer etwas hat, teilt, spendiert und schenkt.

Und die Deutschen lieben das. Der selbstgemachte Wein, das Öl, hausgemachte Speisen, Schätze des Gartens, alles wird mit den Gästen geteilt – einfach so. „Gestern haben der Kostas und ich auf seiner Terasse seinen selbstgemachten Wein getrunken, und am Ende hat er mir noch eine ganze Flasche geschenkt“, erzählte mir letzthin ein Tourist, der zum ersten Mal hier war.

Der Kostas hat das gern getan, auch wenn es sein letzter Wein war. Er fühlt sich gut beim Geben – ungefähr so gut wie ein sparsamer Deutscher, der am Ende des Jahres auf seinen Kontoauszügen sieht, was dank der Zinsen aus seinem Sparguthaben geworden ist.

Die Griechen finden es zwar seltsam, dass die Deutschen viel Geld für eine Flugreise nach Griechenland ausgeben und sich dann in der Taverne zu viert einen Bauernsalat und eine große Flasche Wasser teilen. „Das ist Sparen? Das ist eine Tugend?“, fragt man sich. Doch hat man die sparsamen Deutschen stets mit einer Mischung aus Respekt und Verwunderung beobachtet.

Bis das ehemals so unscheinbare Wort „Sparen“ durch Wörter wie „Sparpolitik“, „Sparprogramme“, „Sparmaßnahmen“ und „Sparvorgaben“ vergiftet wurde. Reizwörter, die Anfang Juli das „Οχι“, das „Nein“ von mehr als 60% der Griechen beim Spar-Referendum zur Folge hatten und nun Gefahr laufen, einen spitzen Keil in die europäische Ländergemeinschaft zu treiben.

Wie heißt eigentlich die Spar-Politik auf Griechisch? Man nennt sie „Politiki litiotitas“. Litotita ist ein griechisches Synonym für Austerität (auch interessant, dass es dafür kein etabliertes deutsches Wort gibt!). Es hat mit „Schlichtheit“, „Einschränkung“ und „Askese“ zu tun.

Askese wiederum ist ein Wort mit altgriechischen Wurzeln, das, verzeihen Sie mir das Wortspiel, an die spartanische Lebensweise im antiken Sparta erinnert, an Disziplinierung und Maßregelung. Die Folgen der „Sparpolitik“ in Griechenland sind für große Teile der Bevölkerung mit Armut und Elend verbunden – das „Sparen“ gilt hierzulande als Grund für eine humanitäre Katastrophe.

Wer künftig „Sparangebote“ in Griechenland an den Mann oder die Frau bringen will, sollte jedenfalls vorher einen Kulturcheck bei Nimirum in Auftrag zu geben …

Unsere Griechenland-Expertin Maria Tsoukis vermittelt zwischen Deutschland und Griechenland. Sie ist in beiden Sprachen und Kulturen zu Hause und unterrichtet, dolmetscht und übersetzt. Besonders am Herzen liegt ihr das Verständnis der beiden Völker. Deshalb bemüht sie sich um das Aufspüren von sprachlichen und interkulturellen Missverständnissen.

Bei Nimirum führt sie Kultur- und Sprachchecks durch, sie übernimmt Übersetzungen und Recherchen und steht generell für griechenlandspezifische Fragen zur Verfügung. Wir vermitteln gern.

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