Von Heiligen, Hexen und Scheißerchen - Weihnachten im interkulturellen Kontext

20blue, 11.12.2015

​Weihnachten ist ein internationales Fest - das in jedem Land anders begangen wird. Wir haben unsere Nimirum-Experten aus verschiedenen Ländern gebeten, ihre lokalen Bräuche vorzustellen. Ein Vorgeschmack auf Weihnachten - und auch auf das, was ein Themendossier aus unserem Haus für unsere Kunden bieten kann.

Haben wir "Weihnachten verpennt"?

Das kann passieren, wenn man in verschiedenen Kulturen heiratet. In Deutschland jedoch eher selten, denn wir sind früh dran: Der 24. Dezember wird hierzulande sehnlich erwartet. Dabei ist der 25. Dezember das „eigentliche“ Weihnachten - in den meisten Regionen Europas gibt es hier Geschenke. In Deutschland wird am 26. noch der zweite Weihnachtstag nachgeschoben. In Großbritannien beginnt dagegen am 26. Dezember, dem Boxing Day, schon wieder das Rennen auf die Geschäfte (Boxing Day ist Umtauschtag, und natürlich auch ein wichtiger Spieltag der Premier League). Jedenfalls: In Deutschland haben wir Weihnachten also noch nicht ver...passt. Das Fest der Geburt Jesu Christi liegt noch vor uns.

Das große Fest der Geschenke allerdings findet nicht überall am 24. oder 25. Dezember statt. In den Niederlanden und in Belgien ist am 6. Dezember schon Bescherung, hier bringt der heilige Nikolaus die Geschenke. Und das liegt schon hinter uns. Auch das berühmte Lucia-Fest in Schweden hätten wir verpasst, das zwar eher mit der Sonnenwende zu tun hat als mit dem christlichen Weihnachtsfest, aber in Skandinavien eine Feier ist, die man unbedingt mitmachen sollte.

Und wie sieht es anderswo aus? Wir haben unsere Nimirum-Länderexperten einmal gebeten, über  lokale Weihnachtsbräuche zu berichten:

Geschenke an Silvester? In der Krise?

Unser Griechenland-Team schreibt: Griechische Kinder erwarten nicht an Weihnachten ihre Geschenke, sondern in der Silvesternacht, wenn der heilige Vassilios (Ái Vassilis oder Àgios Vassilios) an seinem Namenstag zu ihnen kommt. Die Gaben liegen zwar schon vorher unter dem geschmückten Weihnachtsbaum, aber jetzt werden sie offiziell überreicht.

Aber kommt der Weihnachtsmann in der Krisenzeit überhaupt? Der Umsatz im Weihnachtsgeschäft 2014 lag um 70 % unter dem Vorkrisen-Niveau, nämlich bei €6,8 Milliarden. 2008 waren es noch €21,9 Milliarden. Nur 8 % der Einzelhändler sagten, ihre Geschäfte waren 2014 besser als 2013 – für 61 % sah es schlechter aus.

Konkurrenz für den Weihnachtsmann in Italien?

Unser Italien-Team antwortet: Die Italiener schenken wie die Deutschen an Weihnachten, aber in der Nacht vom 5. auf den 6. Januar werden die Kinder noch einmal beglückt: Sie freuen sich auf die Befana (siehe Bild). Die Hexe fliegt auf ihrem Besen von Haus zu Haus, und braven Kindern hängt sie einen Strumpf mit Süßigkeiten an die Tür. Wer böse war, bekommt schwarze Kohlen in den Strumpf gesteckt. (Meistens handelt es sich um ein schwarz eingefärbtes Stück Zucker.) „Befana“ nennt man zu anderen Zeiten des Jahres eine hässliche Frau – nur in dieser einen Nacht überwiegen die positiven, sympathischen Aspekte!

Auch die Werbung liebt sie. Und die Kinder singen ihr ein Lied oder lernen ein Gedicht:

La Befana vien di notte
con le scarpe tutte rotte
con le toppe alla sottana
Viva, Viva La Befana!

Die Befana kommt in der Nacht
mit kaputten Schuhen
mit Flicken auf dem Rock
– es lebe die Befana!

Panettone, Sekt und Krippe

Was gehört sonst zu Weihnachten? Da sind sich die Italiener ziemlich einig:

  • 89% lieben Panettone, das traditionelle Weihnachtsgebäck aus Mailand. Einer Legende zufolge ist er am Heiligabend 1497 als Notlösung entstanden. Der Leibkoch von Ludovico Sforza hatte den Nachtisch für das herrschaftliche Bankett im Ofen verbrennen lassen. Sein Küchenjunge Antonio rettete ihm den Hals, indem er dem Rest des verbliebenen Brotteigs Zucker, Rosinen und kandierte Früchte hinzufügte. Heraus kam ein saftiger Brotersatz, der vom Herzog und seinen Gästen mit großer Begeisterung empfangen wurde. Nach seinem Erfinder, dem Küchenjungen Antonio, wurde der leckere Kuchen “Panettone” benannt: pan de Toni, Tonis Brot! (Andernorts stößt er allerdings auf wenig Gegenliebe …)
  • 89% der Italiener werden in den nächsten Festtagen mit Sekt anstoßen, nur 14% der fröhlich Gesinnten mit Champagner!
  • 55% der Italiener finden die Krippe wichtiger als den Weihnachtsbaum. Der „Presepio“ (die Krippe) wird am 8. Dezember zum Tag der Unbefleckten Empfängnis auf- und am 6. Januar, am Dreikönigstag, wieder abgebaut. 

Wie ist das jetzt mit dem „Scheißerchen“?

Unser Spanien-Team erzählt: Caganer („Scheißerchen“) ist eine Krippenfigur. Sie stammt ursprünglich aus Katalonien, und es gibt sie seit dem 18. Jahrhundert. Der kleine Bauernjunge, der sein unschuldiges Geschäft verrichtet, steht für Glück, Freude und Fruchtbarkeit. Inzwischen hat sich eine ganze Caganer-Industrie entwickelt: Dargestellt werden bekannte Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Sport, und auch aktuelle Themen werden aufgegriffen, z. B. die Unabhängigkeitsbewegung Kataloniens oder die neue Volkssportart Running.

Am 22. Dezember beginnt dann mit der Ziehung von El Gordo die Weihnachtszeit. „Der Dicke“ ist die älteste und größte Lotterie der Welt.Die Ziehung wird vier Stunden lang live im Fernsehen übertragen, Preise und Gewinnnummern werden von einem Kinderchor vorgetragen. Die Spanier lieben ihre Weihnachtslotterie. Sie hat eine riesengroße Bedeutung, wie dieser emotionale Spot zeigt.


Rumänische Kochtöpfe

Unsere Länderexpertin gewährt uns einen kleinen Einblick: Am Ignatius-Tag, dem 20. Dezember, schlachtet man auf dem Land traditionellerweise das Schwein und verarbeitet es zu Wurstwaren: Leberwürste, Blutwürste, Schinken, Speckgrieben, Kotelett, Aspik etc. In der Stadt tobt währenddessen die Einkaufsraserei!

An Heiligabend ziehen Gruppen von Kindern und Jugendlichen von Haus zu Haus, werden hier und da hereingelassen, singen Weihnachtslieder („ colinde“), erhalten Geld oder Süßigkeiten und überbringen gute Wünsche für das neue Jahr. Dann sammeln sich die Familien rund um den geschmückten Weihnachtsbaum, singen und brechen die Fastenzeit am Heiligenabend mit jeder Menge Essen: Frikadellen, Wurst mit Meerrettich-Soße, Käse, verschiedene Salate etc., dazu Saft, Wein und Bier. Unerlässlich ist der Weihnachtsstollen – eine Art Rosinenbrot mit Mohn oder fein gemahlenen Walnüssen. Und dann gibt’s Geschenke.

Lust bekommen auf mehr Input zu Jahreszeiten, Themen oder Festen? Die Länder-Dossiers von Nimirum helfen Kommunikatoren und Entscheidern auch im internationalen Konxtext abzuheben. Egal ob Ostern, Weihnachten, Sommer oder Winter: Erzählen Sie uns, was Sie wissen wollen. In einem unverbindlichen Gespräch loten wir gern mit Ihnen aus, wie unsere 350 Experten aus über 65 Ländern Ihnen helfen können.

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