„Herzgesündere Lebensmittel besser fördern!“

Tobias D. Höhn , 17.01.2017

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Ernährung und Medienkonsum? Was denken die Menschen über Ernährung in den Medien, wie informieren sie sich über Lebensmittel und wem vertrauen sie in Ernährungsfragen? Dr. phil. Diplom-Journalist Tobias D. Höhn vom Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig hat mehr als 700 Online-Fragebögen zu diesen Themen ausgewertet.

Ob Print oder Online, Radio oder Fernsehen – das Thema Ernährung ist seit Jahren auf dem Vormarsch in den Medien. Da liegt die Frage nahe: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Ernährung und Medienkonsum? Was denken die Menschen über Ernährung in den Medien, wie informieren sie sich über Lebensmittel und wem vertrauen sie in Ernährungsfragen? Dr. phil. Diplom-Journalist Tobias D. Höhn vom Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig hat mehr als 700 Online-Fragebögen zu diesen Themen ausgewertet. Befragt wurden Familien mit Kindern bis sechs Jahre, Schwangere und Paare mit Kinderwunsch. Das Gros davon entspringt der sogenannten Generation Y, den Jahrgängen von 1980 bis 1999. Er sieht deutliche Parallelen zum Ernährungsreport 2017 des Bundeministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, aber auch die Aufgabe: Wir müssen den Verbraucher besser informieren. Die Studie ist Teil des „Kompetenzclusters für Ernährung und kardiovaskuläre Gesundheit“ nutriCARD. Dabei handelt es sich um den Zusammenschluss der drei Universitäten Halle, Jena und Leipzig mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen sowie der regionalen Ernährungs- und Agrarwirtschaft, in dem unter anderem herzgesündere Lebensmittel entwickelt werden. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert.

Herr Dr. Höhn, welchen Stellenwert hat Ernährung für die Generation Y?

Tobias D. Höhn: In der Selbsteinschätzung spielt Ernährung für die Befragten eine bedeutende Rolle. Lebensmittel sollen vor allem frisch sein und schmecken, wenig Zusatzstoffe enthalten, nach Möglichkeit aus der Region stammen bzw. ökologisch angebaut sein. Drei Viertel der Befragten gaben an, dass bei ihnen vorwiegend frische Produkte an Stelle von Konserven, Tiefkühlkost oder Fertigprodukten auf den Tisch kämen. Fast Food sei bei ihnen die Ausnahme.

Das klingt, als ob die Befragten alle im Bio-Laden einkauften und jeden Tag am Herd stünden, um für die Familie zu kochen.

Dem ist leider nicht so. Die wichtigsten Anlaufstellen für den Lebensmitteleinkauf sind Supermärkte und Discounter. Hier zeigen sich übrigens deutliche Parallelen zum Ernährungsreport 2017 des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Auf dem Wochenmarkt, beim Direktvermarkter oder im Bioladen kaufen die wenigsten ein. Und noch ein wichtiger Punkt: Mehr als Hälfte der Befragten kauft spontan ein und lässt sich auch von Werbung inspirieren. Das Versprechen von weniger Fett, weniger Kalorien oder weniger Zucker greift, obwohl gleichzeitig neun von zehn Befragten in Light-Produkten keinen gesundheitlichen Nutzen sehen. Und bei der Zubereitung muss es vor allem schnell gehen. Man könnte es so ausdrücken: Das kognitive Wissen um die Bedeutung einer ausgewogenen Ernährung wird im Alltag nicht konsequent umgesetzt.

Sie haben in Ihrer Studie den Fokus auf Familien mit Kindern bis sechs Jahre, Schwangere und Paare mit Kinderwunsch gelegt. Warum?

Meine Untersuchung ist Teil eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierten Kompetenzclusters für Ernährung und kardiovaskuläre Gesundheit, nutriCARD, einem Verbundprojekt der Universitäten Halle, Jena und Leipzig. Unser Ziel ist, die Gesundheit der Bevölkerung nachhaltig zu verbessern und Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen. Die bevorstehende Geburt eines Kindes ist ein Lebensereignis, bei dem viele ihre bisherigen Verhaltensweisen überdenken, weil sie neue Verantwortung übernehmen. Außerdem werden in den ersten Lebensjahren des Kindes Ernährungsweisen geprägt. Zudem ist die Zielgruppe in der Forschung der Ernährungskommunikation bislang wenig bedacht.

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Sie sind Kommunikationswissenschaftler. Welche Rolle spielen die Medien in Ernährungsfragen?

Ob im Fernsehen oder Radio, in Print oder Online: Ernährung hat in den vergangenen Jahren massiv an Bedeutung gewonnen, und es sind gerade online zahlreiche neue Formate entstanden. Daher ist es nur konsequent zu fragen, welche Medien die Menschen nutzen, und ob dies möglicherweise Handlungsrelevanz für ihre Ernährung hat. Oder anders gefragt, wie können wir das Verbraucherverhalten hin zu einer gesünderen Ernährung durch Kommunikation verbessern?

Und, wie kann Kommunikation Verbrauchern zu einer gesunderen Ernährung verhelfen?

Eine pauschale Antwort fällt schwer. Positiv überrascht bin ich von der Bandbreite und der Qualität des Medienkonsums. Nur zwei Aspekte: Die öffentlich-rechtlichen Sender führen im TV-Angebot das Ranking an, die häufigsten Printprodukte sind allen Unkenrufen zum Trotz regionale Tageszeitungen. Gleichwohl zeigt sich, und das ist besonders relevant für meine Forschung, dass sich bei Ernährungsfragen das Internet zur ersten Adresse entwickelt hat.

Das heißt, online ist beim Thema Ernährung Meinungsführer?

So einfach ist es nicht. Die Stärke des Internets liegt in der individualisierten Problemlösungsstrategie. Das zeigt sich auch daran, dass der Einstieg in neun von zehn Fällen über Suchmaschinen erfolgt. Es werden konkrete Antworten auf gezielt gestellte Fragen gesucht. An zweiter Stelle stehen Newsgroups rund um Familie und Ernährung. Auf die Frage „Wem vertrauen Sie, wenn es um Informationen oder Ratschläge zu gesundheitsbewusster Ernährung geht?“, zeigt sich wiederum ein ganz anderes Bild. Hier dominiert die persönliche Beratung durch Hebammen, bedingt durch den Teilnehmerkreis, und Ärzte. Die klassischen Medien, also Zeitungen, Fernsehen und Radio, haben dennoch einen nicht zu unterschätzenden Einfluss. Nahezu zwei Drittel der Befragten gaben an, auf Grund der Medienberichterstattung schon einmal ihre Ernährungsweise überdacht oder sogar geändert zu haben.

In Ihrem Kompetenzcluster werden herzgesündere Lebensmittel entwickelt. Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie für die Ernährungskommunikation bzw. -bildung ?

Mit Blick auf die Verbraucher müssen wir Aufklärungsarbeit leisten. Meine Befragung hat gezeigt, dass mit steigendem Bildungsgrad und der Rezeption von Leitmedien die Akzeptanz herzgesunder Lebensmittel wächst. Der Preis spielt eine untergeordnete Rolle. Es braucht jedoch Partner aus der Wirtschaft, die wir überzeugen müssen, herzgesündere Lebensmittel - als Bestandteil von Nachhaltigkeit in der Ernährung - in ihr Sortiment aufzunehmen. Dazu leisten meine Kollegen vom Institut für Lebensmittelhygiene der Uni Leipzig derzeit Vorarbeit, indem Fleischerzeugnisse in ihren Rezepturen optimiert werden. Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend und stoßen auf gute Resonanz. Auf dem Mitteldeutschen Ernährungsgipfel 2016 gab es ein positives Feedback für die Pilot-Lebensmittel von regionalen Herstellern. Der Dreiklang aus Forschung, Produktion und Kommunikation ist vielversprechend.

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