Die Latenz der Menschlichkeit –
Corona, Shitstorms und Hatespeech

Christian Salzborn , 09.04.2020

„In Zeiten von Corona erleben die Menschen eine Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft. Hat Corona den Hass besiegt? Nein! Zum einen ist es eine menschliche Eigenschaft, in Notsituationen zu helfen. Ebenso haben die Leute aktuell Wichtigeres zu tun. Ein sorgenfreies Leben scheint ein guter Nährboden für die Entwicklung von Hatespeech und Shitstorms zu sein. Doch wie echt ist eine Solidarität, die nur in Krisenzeiten auftritt? Es wäre wünschenswert, wenn etwas Menschlichkeit auch nach Corona in der Gesellschaft weiterlebt.“ - Eines unserer #expertstatements von Dr. Christian Salzborn.

Dieser Beitrag erschien als Teil unserer #expertstatements

Es ist schwer in Zeiten von Corona noch Positives zu finden. Zu dominant sind die Meldungen über die Todesfälle, Existenzängste und den Problemen ganzer Volkswirtschaften. Das Virus hält die Welt im Atem und zwingt viele in einen Lebensrhythmus, der vorher nicht vorstellbar war. Homeoffice und Homeschooling sind die Schlagwörter unserer Zeit. Social Distancing die Vorgabe für alle. Kein Kontakt, um zusammen Corona zu besiegen.

Der Begriff „zusammen“ weist aber auf eine positive Ebene hin: Die Menschen helfen einander, sie stehen zusammen, ohne sich nahe zu kommen, speziell um die Alten und Schwachen sorgt man sich – die sogenannten Risikogruppen. Akte von Menschlichkeit, die im Internet (und den Medien generell) nicht nur rege Berichterstattung provozieren. Überall finden sich Möglichkeiten und Aufrufe, anderen zu helfen. Selbst hier in meinem Stadtteil kann sich jeder freiwillig melden, für Alte und Kranke einkaufen zu gehen, Reinigungsarbeiten zu übernehmen, oder auch nur mal anzurufen, um denen, die wirklich alleine sind, ein bisschen Trost zu spenden. Der Psychologe Stephan Grünewald spricht in diesem Kontext von einer „Zeit der Menschlichkeit und Solidarität“. Das Handelsblatt gar von einer „Ästhetik des Widerstands“.

Aber ist die Gesellschaft wirklich so viel besser geworden? Gar über Nacht?

Zunächst ist eine solche gesellschaftliche Herzenswärme in Krisenzeiten nicht neu. In der Wissenschaft gibt es zahlreiche Belege, dass sich Menschen in der Not helfen und zusammenstehen. Zum Beispiel hat das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in 2017 eine große Studie veröffentlicht; Titel „Bevölkerungsverhalten in Krisen und Katastrophen: Eine Auswertung naturbedingter Großschadenslagen der letzten fünfzig Jahre in Deutschland“. Fazit: in Gefahrenlagen entwickeln die Menschen klar prosoziales und unterstützendes Verhalten. Es scheint, als schlummere in vielen Menschen eine latente Menschlichkeit, die erst einen Anstoß braucht, um aktiviert zu werden. Eine Art „Krisen-Utilitarismus“. Auch bei 9/11 gab es eine Explosion von Solidarität und Hilfsbereitschaft. Noch während die Türme brannten, zogen Freiwillige die Opfer aus den Trümmern. Die Spendenbereitschaft nahm nicht gekannte Ausmaße an. In der Not zeigen die Menschen wahre Größe.

Doch warum gibt es dieses Übermaß an Menschlichkeit nicht auch in „Normalzeiten“?

Schauen wir uns nur mal die Online-Welt an und blicken einige Wochen zurück – vor Corona. Die Diskussion zum Hass im Netz erreichte einen Höhepunkt: im Februar 2020 wurde im deutschen Bundestag eine Verschärfung des „Netzwerkdurchsetzungsgesetzes“ beschlossen, denn die Hasskriminalität hätte ein „demokratiegefährdendes Maß“ erreicht (BKA-Chef Holger Münch). Im selben Monat brachte die Zeit ein „Plädoyer für's Drüberstehen“ gegen den Shitstorm. Und der Bayerische Rundfunk veröffentlichte noch Anfang März 2020 ein Special gegen den „Hass im Netz“. Die schon vor Jahren geprägten Beschreibungen des „digitalen Prangers“ (Pörksen und Detel 2012) und des Netzes als „Toilettenwand“ (Döring 2010) der Gesellschaft schienen Wirklichkeit geworden zu sein.

Und dann kam Corona und plötzlich ist der Hass verschwunden?

Nein! Wahr ist: für viele haben sich die Prämissen ihres Lebens verschoben. Zurzeit gibt es Wichtigeres als andere zu kritisieren, zu diffamieren oder Häme zu verbreiten. Sei es gar die Sorge um die eigene Existenz. Sorgenfreie Umstände scheinen – ironischerweise - ein guter Nährboden für Hatespeech und Shitstorms zu sein (es handelt sich hier um zwei voneinander unterschiedliche Phänomene, vgl. Salzborn 2017). Wenn mein Leben in geregelten Bahnen verläuft, kann ich mich – im negativen Sinne - auf andere konzentrieren. Corona zwingt uns, diese Wohlfühloase des Alltags zu verlassen und uns um uns und andere zu kümmern. Das Prinzip des Utilitarismus, also sein Handeln in den Wert der Gesellschaft zu stellen, greift dann voll durch. Die aktuellen Denunzierungsvorfälle in der Öffentlichkeit, Corona-Partys und bewusste Verstöße gegen das Kontaktverbot sowie das Verbreiten von Fake-News zeigen jedoch, dass die Welt auch während Corona nicht ganz so rosig ist, wie man bei all den solidarischen Initiativen meinen mag. Absoluter Utilitarismus als generelle gesellschaftliche Zielnorm scheint doch ins Reich der ethischen Utopien zu gehören. Wucherangebote für Atemmasken sind hierfür weitere Belege. Und die Shitstorms gegen Adidas und Co. beweisen, dass das Netz sein waches wie kritisches Auge nicht verliert, egal welcher Virus wütet. Der digitale Pranger trotzt auch Corona.

Wie echt ist überhaupt Solidarität, die in der Not geboren wird? In Deutschland werden derzeit Pflegekräfte frenetisch beklatscht und gefeiert. Menschen, die seit Jahren im niedrigen Lohnsektor angesiedelt sind und teils aufstocken müssen, um über die Runden zu kommen. Erst jetzt dämmert es uns und vor allem der Politik, dass sie nicht diejenigen nur loben kann, deren teils prekäre Einkommenssituation sie mit verschuldet. Was bleibt von der Solidarität, wenn wir mit unseren Steuergeldern höhere Löhne für diese Pflegekräfte bezahlen müssen?

Mit Sicherheit ist Solidarität in der Krise besser als keine Hilfe, doch es ist zu befürchten, dass die Gesellschaft nach der Krise wieder in alte Muster zurückfällt. Auch der Soziologe Armin Nassehi bezweifelt, dass die Coronakrise unser grundsätzliches Handeln ändert: „die Gesellschaft als Ganzes ist zu träge“. Wahrscheinlich werden die Menschen, deren Herz aktuell voller Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe ist, nach der Coronakrise wieder „ihre schlechte Seite“ zeigen.

Schade!

Bleibt zu hoffen, dass ein bisschen latente Menschlichkeit übrig bleibt. Denn gegen Solidarität und Menschlichkeit sollte es kein Gegenmittel geben.

Literatur:

Döring, Nicola (2010): Sozialkontakte online: Identitäten, Beziehungen, Gemeinschaften. In: Wolfgang Schweiger und Klaus Beck (Hg.): Handbuch Online-Kommunikation. 1. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 159–183.

Pörksen, Bernhard; Detel, Hanne (2012): Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter. Köln: Herbert von Halem Verlag.

Salzborn, Christian (2017): Phänomen Shitstorm – Herausforderung für die Onlinekrisenkommunikation von Unternehmen. Tectum Verlag (zgl. Dissertation 2015)

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