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Die Pandemie als Chance für digitale Musiker

Ein Beitrag von Lukas Dreyer

Der Leipziger Cellist Lukas Dreyer ist seit vielen Jahren auf den internationalen Bühnen unterwegs.

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Veröffentlicht: 28.04.2020

Lesezeit: 4 Minuten

Letzte Änderung: 11.09.2023

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Schlagworte:

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„Die Coronakrise ist ein Katalysator für die Musikbranche, in der ein globales Publikum erreicht wird, neue Spenden- und Einkommensquellen entstehen und vor allem neue musikalische Formate entstehen. Es gilt die Harmonie der realen und virtuellen Welt als neuen Zusammenklang zu begreifen.“ – Eines unserer #expertstatements von Lukas Dreyer.

Schon 2010 übte das Internet mit ersten Livestream-Möglichkeiten eine Faszination auf mich aus. Dass es erst in diesem Jahr dazu kam, die Idee in ein eigenes Format übersetzen zu können, ist zum einen verschiedenen Stationen in meiner musikalischen Karriere als Orchestersolist und Kammermusiker selbstständiger Musiker geschuldet. Es zeigt aber auch den Weg auf, den ich als vormals angestellter Musiker zum unternehmenden Künstler in den letzten Jahren und nun – verstärkt durch die Coronakrise – auf meinem Weg vollziehe.

Die Coronakrise ist ganz offenbar ein Katalysator für die Weiterentwicklung internetbasierter Geschäftszweige. Das Internet wird damit zunehmend auch als realer Wirtschaftsraum mit künstlerischen Inhalten zu bespielbar. Kunst in rennomierten Räumen und Institutionen einem Publikum zu präsentieren und damit Geld zu verdienen, ist in der analogen Welt ja seit Jahrhunderten etabliert.

Neue Zielgruppen können im Internet gezielt auch global angesprochen werden. „Donation“ als Unterstützung im Gedanken eines Grundeinkommens oder einer Spende für Einzelprojekte ist schon auf verschiedenen Plattformen wie Patreon oder Flattr möglich. Auch Facebook unterstützt Spenden. Der überpräsente amerikanisch geprägte Markt mit seinem Fokus auf den Business Effekt braucht aber eine echte europäisch geprägte Antwort der Kultur im Internet als Wirtschaftszweig, mit Anspruch auf einen freien künstlerischen Raum.

Es ist ein richtiges und wichtiges Zeichen, dass zum Beispiel das Goetheinstitut seit kurzem Online-Konzerte in ihrer Präsentation mit seinem Portal „Kulturama“ mit seinem Netzwerk unterstützt.

Welche Formate für onlinebasierte Konzerte gibt es bereits und wie können sie entwickelt werden?

Die Digital Concert Hall machte vor Jahren den Anfang, einen eigenen Videokanal der Berliner Philharmoniker online als Bezahlmodell zu etablieren. Daraus entstanden dann auch offline Konzertformate, die in Kinos stattfinden. Die Möglichkeiten neuer Konzert-Räume wie Fabrikhallen, Kaufhäuser, oder Höhlen werden in der klassischen Konzertwelt und Musikvermittlung seit Jahren als neue Wege zum Publikum beschritten. Digitale Räume stehen bislang noch nicht im Fokus. Das Berliner Beispiel aber zeigt, dass die semipermeable Bühne als Bindeglied funktioniert. Ein neues Begeisterungsmoment dafür erleben wir gerade weltweit.

Bei den Tiny Concerts bekommt der Zuschauer eines kleinen Konzertes im 10 Min. Format auch die Gelegenheit im Chat auf Facebook anschließend mit mir als Künstler ins Gespräch zu kommen. Es ist ein Konzept, das auch ich seit Januar 2020 eingeführt habe. Eine Matrix von Kompositionen dient mir als Spielfeld zwischen Barock und Groove, Interpretation und Improvisation. Sie liefert den musikalischen Stoff für meine aktuelle Tiny-Concert-Series. Dieses Online-Format steht stellvertretend für ein Projekt, das als Bühnen-Werkstatt im interdisziplinären Klangraumerlebnis entsteht.

Der amerikanische Jazzpianist Chick Corea hat in der Coronazeit sein Home Concert als Academy vorgestellt. Er übt und spricht täglich über seine Arbeit vor bis zu 2000 Zuschauern. Es liegt auf der Hand, dass die Entwicklung der Online-Meeting-Formate wie beispielsweise Zoom sich auch für eine künstlerische Nutzung öffnen sollten. Dann wird die Kommunikation im Konzertgedanken auch zu einem Vermittlungserlebnis.

Das Internet als demokratischer Marketplace für einen europäisch geprägten Kulturraum?

Ich sehe da echte neue Chancen, die Markmacht der Kultur-Institutionen und der freien Künstler gleichberechtigter zu repräsentieren zu können. Ein Grundeinkommen kann im digitalen Rahmen vom Credit für Werbung bis zum Hard- und Software Angebot gedacht werden. Donation ist als private Spende dann ein Add-on.

Neue Formatentwicklungen sind wichtig, dem Livestream von jedem freien Anbieter auch die besondere Aufmerksamkeit zu gewähren, ohne dabei wieder den demokratischen Grundgedanken des Internet zu karikieren. Wiederum am Beispiel meiner Tiny Concert Series: Ich habe mich entschieden, alle zwei bis drei Wochen zu fester Sendezeit am Wochenende 2x im Gedanken in zehn Minuten ein vollständiges Programm zu kreieren. Das soll die Aufmerksamkeit der Follower bündeln und gleichzeitig als Teaser-Gedanke Lust auf mehr Content erzeugen.

Es gilt die Harmonie der realen und virtuellen Welt als neuen Zusammenklang zu begreifen.

Künstler sind schon immer kreative Entwickler ihrer Ideen in den gegebenen Formaten mit Visionen für Grenzüberschreitungen gewesen. Beethovens 9. Sinfonie ist dafür ein Beispiel, wie instrumentaler Klang und das Wort im sinfonischen Gedanken zu einer Einheit gefunden haben. Dass dieser Versuch dann zur Europahymne wurde, hat der Komponist sicher nicht gewusst, aber den Möglichkeitsraum dafür geschaffen. Und nun kann man nicht nur in Gedanken auf sanften Flügen reisen, sondern den Gedanken auch reale Bilder und Klänge zuordnen.

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