„Auslaufmodell Plastiktüte“:
Wie nachhaltig sind die Alternativen?

Mona Nikolić , 01.12.2020

Kaum ein Plastikprodukt wurde in den letzten Jahren so sehr zum Inbegriff des Plastikmülls wie die Einwegplastiktüte. Über Verbote und schwindende Verbraucher:innenakzeptanz wird die Plastiktüte als Transportsystem zunehmend zum Auslaufmodell. Doch wie nachhaltig sind die Alternativen? Ein Text von Mona Nikolic.

Wenn Verbraucher:innen sich Verbote wünschen

Im April 2015 reagierte die EU auf das Plastikmüllproblem mit der Ergänzung der Richtlinie über Verpackungen und Verpackungsabfälle (EU-Richtlinie 94/62/EG) um eine EU-Plastiktüten Richtlinie (EU-Richtlinie 2015/720). Gegenstand dieser Richtlinie waren Einwegplastiktüten, mit einer Wanddicke von unter 50 μm. Ihr Pro-Kopf-Verbrauch sollte in den Mitgliedstaaten bis 2025 auf maximal 40 pro Jahr reduziert werden. Bei der Umsetzung dieser Vorgabe hatten die Mitgliedsstatten weitgehend freie Hand: von Steuern und Abgaben auf Plastiktüten und verbindlichen Reduktionszielen bis hin zu einer freiwilligen Selbstverpflichtung des Handels. Auf letztere setzte man in Deutschland. Der Einzelhandel verpflichtete sich, Plastiktragetaschen ab Juli 2016 nur noch gegen Gebühr abzugeben.
Der Pro-Kopf-Verbrauch an diesen Plastiktüten in Deutschland ging auch in Folge dieser Gebühr in den letzten Jahren deutlich zurück. Anstelle von 85 Tüten pro Kopf im Jahr 2000 und 68 im Jahr 2015 wurden 2018 nur noch 24 Tüten gebraucht. Damit wäre die EU-Vorgabe bereits erfüllt.
Im Jahr 2020 folgte in Deutschland dann, mit der Novellierung des Verpackungsgesetzes, ein Verbot aller Einwegplastiktüten, die in Geschäften als Tragetaschen angeboten werden.

Das Verbot betrifft auch Bioplastiktüten. Ausnahmen bilden sehr dünne, sogenannte Hemdchentüten, sowie sehr dicke Tüten (Wandstärke ab 50 μm). Ihre Verwendung ist weiterhin erlaubt. Dem Handel wurde eine Übergangsfrist von 12 Monaten eingeräumt, sodass das Verbot ab Januar 2022 in Kraft treten wird.

Während die Maßnahmen seitens des Handels, aber auch von Umweltverbänden u.a. als „Symbolpolitik“ und nicht durchdacht kritisiert werden, stoßen Verbote  von Plastiktüten unter Verbraucher:innen in Deutschland seit Jahren auf breite Akzeptanz. Sie werden von der Mehrheit der Verbraucher:innen begrüßt und angesichts der globalen Plastikmüllkrise sogar gewünscht.
Im weltweiten Vergleich nehmen weder Deutschland noch die EU beim Thema Plastiktütenverbot eine Vorreiterrolle ein.
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Plastiktütenverbote weltweit

Laut UN-Umweltprogramm gibt es mittlerweile in 61 Staaten Verbote, die die Einfuhr oder die Herstellung von Einwegplastiktüten beschränken. In 83 Staaten ist die kostenlose Abgabe untersagt. Führend in Sachen Verbote von Plastiktüten und Einwegplastik sind die afrikanischen Länder. Hier war Rwanda das erste Land, das die Nutzung von Plastiktüten 2008 unter Strafe stellte. Kenia folgte 2017, Tansania zog 2019 nach und erhöhte die Zahl der afrikanischen Länder, in denen es Verbote für die Verwendung von Plastiktüten gibt, auf 26.
Auch China versucht, das Plastikmüllaufkommen über Verbote zu reduzieren. Nachdem 2008 zunächst die Verwendung und Herstellung von sehr dünnen Plastiktüten weitgehend verboten wurde, folgte 2020 ein generelles Verbot von Plastiktüten in den großen Geschäften und Supermärkten großer Städte. Dieses Verbot stellt einen Teil eines umfassenden Plastikverbotes und wird in den folgenden Jahren landesweit ausgeweitet.

In Südamerika war Chile 2018 das erste Land, das ein landesweites Plastiktütenverbot in Supermärkten und im Einzelhandel verabschiedete. Verbote bzw. Restriktionen und eine Besteuerung der Verwendung von Plastiktüten gibt es im Jahr 2019 in 14 lateinamerikanischen Ländern, darunter Panama, Uruguay und Kolumbien. 8 karibische Staaten, darunter auch Costa Rica und Belice, verabschiedeten Anfang 2020 Verbote zum Import und zur Nutzung von Einwegplastikartikeln.
Vor dem Hintergrund vermehrter Verbote von Plastiktüten und einem steigenden Umweltbewusstsein der Verbraucher:innen, wird die Einwegplastiktüte als Transportsystem zunehmend zum Auslaufmodell. Handel und Verbraucher:innen setzen verstärkt auf Alternativen zur Plastiktüte.

Alternativen zur Plastiktüte aus Sicht der Verbraucher:innen

Mit dem steigenden Bewusstsein für Nachhaltigkeit und dem Wunsch, Plastikmüll zu reduzieren, wird der Verzicht auf Plastiktüten für Verbraucher:innen auch beim Lebensmitteleinkauf zum Ziel. Eine Maßnahme zur Plastikvermeidung stellt aus Verbrauchersicht das Mitbringen eigener Behälter und Taschen dar.
In Deutschland ist die Praxis, eigene Behältnisse zum Transport des Einkaufs mitzubringen weit verbreitet: Laut einer repräsentativen Umfrage der tns-infratest im Auftrag des Deutschen Verpackungsinstitutes im Jahr 2018 nahmen über 80% der Befragten zum Einkaufen eigene Behälter oder Taschen mit, darunter Papiertüten, Stoff- oder Jutebeutel, Körbe, Rucksäcke oder Stiegen. 19,1% brachten für den Einkauf Plastiktüten von Zuhause mit. Besonders verbreitet und beliebt als Alternative zur Plastiktüte sind in Deutschland Leinen- und Stoffbeutel.

Leinen- und Stoffbeutel als neues „It-Piece“?

Im September 2019 berichtete die US-Journalistin Mikaella Clements in der New York Times über den Stoffbeutel eines Münchner Buchhändlers als stylisches It-Piece in Berlin. Dem Stoffbeutel besagten Buchhändlers bescherte der Artikel große, internationale Aufmerksamkeit und Nachfrage.

In den deutschen Medien wurde dieser Bericht eher belächelt, sah man in Stoffbeuteln doch eher einen alltäglichen und wenig modischen Gebrauchsgegenstand. It-Piece oder nicht, die Allgegenwart des Stoffbeutels in deutschen Städten und Haushalten ist nicht zu leugnen. Und nicht nur in Deutschland, auch unter europäischen Verbraucher:innen ist die Stofftasche beliebtes Transportutensil. Laut Two Sides Packaging Report 2020 gaben die Befragten aus 9 europäischen Ländern zu 53% an, grundsätzlich Baumwoll- und Leinenbeutel als Transportsystem zu bevorzugen. In Österreich waren es sogar 60%.

Leinenbeutel und Stofftaschen punkten aus Verbrauchersicht v.a. über Nachhaltigkeitsaspekte. Sie werden von Verbraucher:innen aufgrund ihrer Widerstands- und Strapazierfähigkeit geschätzt. „Hohe Qualität“ und „Attraktivität“ sind Attribute, die Verbraucher:innen mit diesem Transportsystem verbinden. Denn Stofftaschen können über Farbwahl und Branding überzeugen, und damit von Verbraucher:innen auch durchaus als „stylish“ wahrgenommen werden.

Unter österreichischen und deutschen Verbraucher:innen erreichten die Leinen- und Baumwolltaschen in der Studie insgesamt die höchsten Zustimmungswerte:

  • 78% der befragten Österreicher:innen und 70% der Deutschen sahen die Stofftaschen als, im Vergleich mit Plastik- oder Papiertüten, von hoher Qualität an.
  • In Österreich waren 65% der Befragten der Ansicht, dass der Leinenbeutel die Qualität bzw. das Image der gekauften Waren verbessert. In Deutschland waren es 60%.
  • 69% der Österreicher:innen und 63% der Deutschen bewerteten die Stofftaschen als „attraktiv“.
  • Auch in Hinblick auf die Nachhaltigkeit schnitten die Stofftaschen am besten ab: 69% der Befragten in Österreich und 63% der Befragten in Deutschland bewerteten Stofftaschen jeweils als „strapazierfähig“. Auch die „Wiederverwendbarkeit“ der Taschen wurde als am höchsten eingeschätzt (61% in Österreich, 64% in Deutschland).
  • Außerdem schrieben deutsche und österreichische Befragte den Stofftaschen am häufigsten das Attribut „Niedriger CO2-Fußabdruck“ zu, mit 55% in Deutschland und 58% in Österreich (gegenüber 41% im Durchschnitt).

Papiertüten punkten aus Verbraucher:innensicht über ihre Recycelfähigkeit

Während die Stofftasche sich v.a. in Österreich und Deutschland großer Beliebtheit erfreut, sind Papiertüten u.a. in Frankreich, Großbritannien, Schweden und Italien die bevorzugte Alternative zur Plastiktüte.
Papiertüten werden von europäischen Verbraucher:innen v.a. aufgrund ihrer Recycelbarkeit positiv bewertet. Laut Two Sides Packaging Report 2020 werden Papiertüten insbesondere die Eigenschaften „Recycelbar“, „biologisch abbaubar“ und „hergestellt aus erneuerbaren Materialien“ zugeschrieben.
Über die Materialität, Aussehen und die Haptik des Verpackungsmaterials, das zudem oft als „Material von früher“ wahrgenommen wird, werden Papier- genauso wie Stofftaschen als nachhaltige Alternativen zu Plastik angesehen.
In Deutschland fallen auch bioabbaubare Plastiktüten unter das Plastiktütenverbot. Anders als z.B. in Italien oder Frankreich, wo die Abgabe dieser Plastiktüten weiterhin erlaubt ist. Daher kann man gerade für Deutschland davon ausgehen, dass der Handel in Zukunft vermehrt auf (Einweg-)Papiertüten setzen wird.
Aus Verbraucher:innensicht scheint die Sache klar: Papier- oder Stofftaschen sind die besseren, weil nachhaltigeren Alternativen zur Plastiktüte. Dass diese Sichtweise zu vereinfacht ist, zeigt ein Blick auf die Ökobilanz.

Plastiktüten-Alternativen: Symbolpolitik oder echte Nachhaltigkeit?

Umweltverbände kritisieren die Plastiktütenverbote oft als Symbolpolitik, die lediglich ein Ausweichen auf scheinbar nachhaltige Alternativen fördert, deren Vorteile in puncto Nachhaltigkeit jedoch nicht erwiesen sind. Vor diesem Hintergrund fordert z.B. der Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU), dass die Auswirkungen der Alternativen auf die Umwelt berücksichtigt werden müssen.

Eine umfassende Ökobilanzierung verschiedener Tragesysteme für Deutschland liegt noch nicht vor und die Ergebnisse von Ökobilanzen aus anderen Ländern sind in vielerlei Hinsicht nicht 1 zu 1 auf den deutschen Kontext übertragbar (z.B. aufgrund von Unterschieden hinsichtlich der Recyclingsysteme, oder von unterschiedlichen Wandstärken der Tüten). Trotzdem zeigen die Ökobilanzen, dass die vermeintlichen ökologischen Vorteile der Alternativen nicht gegeben sind.

In Ökobilanzen schneiden Einweg-Papiertüten nicht besser ab, als konventionelle Kunststofftüten. Ein Grund hierfür ist, dass sie oft aus frischen Papierfasern hergestellt werden. Das belastet die Umwelt nicht nur durch die hohe Nachfrage nach Holz, der Prozess der Papierherstellung, von Zellulose zu Papier, ist auch sehr wasser- und energieaufwändig. Zudem wird viel Material benötigt, um die Stabilität zu gewährleisten. Damit eine Einweg-Papiertüte in der Ökobilanz mit der Kunststofftüte gleichziehen kann, müsste sie mindestens 3 Mal so häufig verwendet werden.

Noch öfter müsste ein Stoffbeutel wiederverwendet werden: Zwischen 50 bis 150 Mal. Hier ist die schlechte Umweltbilanz v.a. in der Baumwollproduktion begründet, bzw. dem damit verbundenen hohen Wasserverbrauch und Pestizideinsatz. 
Wird auf die Anbaubedingungen geachtet (z.B. Bio-Baumwolle, oder sogar Bio-Leinen verwendet), oder im Fall von Papiertüten darauf, dass Recyclingpapier verwendet wurde, verbessert sich die Ökobilanz. Dennoch gilt: Die aktuell populären Alternativen zur Plastiktüte haben nur ökologische Vorteile, wenn sie sehr häufig verwendet werden, wesentlich häufiger als die Plastiktüten.

Fazit: Vermeiden statt Ersetzen

Zunehmende Einschränkungen und Verbote, aber auch das gestiegene Umweltbewusstsein der Verbraucher:innen fördern aktuell die Suche nach Alternativen zur Einwegplastiktragetasche und den Umstieg auf Papier- und Stofftragetaschen. Der Blick auf die Ökobilanz zeigt jedoch, dass diese Tragesysteme nicht nachhaltiger sind, als konventionelle Plastiktüten. Grundsätzlich gilt: Mehr Nachhaltigkeit erreicht man beim Thema Plastiktüte jedoch nicht durch das Ausweichen auf ein anderes Material. Vielmehr muss die Zielvorgabe sein, Einwegplastiktüten zu vermeiden, statt sie einfach durch andere Einwegtüten zu ersetzen. Das heißt auch: Wenn Tüten verwendet werden, dann besser Mehrweg als Einweg.

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