Corona-Pandemie in Rumänien:
Die Kluft zwischen Stadt und Land wächst

Karolina Purnhauser , 15.04.2021

Gezeichnet von Michael Mutschler

“Die Pandemie verschärft in Rumänien die bereits vorhandenen Disparitäten zwischen ländlichen und städtischen Räumen. Sie führt uns nochmals den maroden Zustand des Gesundheits- und Schulsystems in ganz besonderer Weise vor Augen. Fehlende Technologien, Ressourcen und fachliche Kompetenzen ziehen in der Corona-Krise vor allem sozial vulnerable Bevölkerungsschichten in ländlichen, peripheren Räumen in Mitleidenschaft.” Ein Expert Statement von Dr. Karolina Purnhauser.

Dieser Beitrag erschien als Teil unserer #expertstatements

Bereits vor der COVID-19-Pandemie kämpfte der ländliche Raum mit erheblichen sozioökonomischen und strukturellen Problemen. Hohe Arbeitslosigkeit, geringes Einkommen (hauptsächlich aus der Landwirtschaft), erhöhte Armutsgefährdung, geringes Ausbildungsniveau, prekärer Gesundheitszustand und Überalterung, fehlende Infrastruktur und mangelnder Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen sind nur einige Merkmale, die die ländliche Landschaft bisher maßgeblich prägten. Angesichts der Tatsache, dass rund 46 Prozent der Einwohner:innen Rumäniens im ländlichen Raum leben, dürfte eine weitere Zuspitzung der Pandemie für breite Bevölkerungsschichten riskant werden.

Wenn wir uns über den Zugang zu Bildung Gedanken machen, dann müssen wir feststellen, dass Kinder in ländlichen Räumen offensichtlich besonders unter den Folgen der Pandemie leiden. Der Zugang zu Bildung ist vielerorts angesichts fehlender Ressourcen und Technologien (Internetzugang, Ausstattung mit Geräten wie PCs/Laptops oder Drucker, kompetente Fachkräfte) nahezu unmöglich. Laut offiziellen Angaben haben im vergangenen Jahr 40 Prozent der Kinder im ländlichen Raum nicht am Online-Unterricht teilgenommen. Im Schnitt haben hier drei von vier Schulen überhaupt keinen Internetzugang und neun von zehn Schulen keine PCs, Laptops oder Tablets für den digitalen Unterricht. Außerdem können 55 Prozent der Eltern nicht jedem Kind der Familie ein eigenes Gerät zur Verfügung stellen. Die schon lange vorhandenen desaströsen hygienischen Zustände in zahlreichen Schulen (fehlendes Trinkwasser und fehlende Toiletten im Schulgebäude, keine Seife oder Desinfektionsmittel) verdeutlichen den Ernst der Lage. Anfang des Schuljahres 2019 gab es in Rumänien laut offiziellen Daten mehr als 1.000 Schulen, die lediglich auf dem Schulhof über Toiletten verfügten. Die Pandemie legt nun die dramatische Dimension der jahrzehntelangen Unterfinanzierung des Schulwesens klar und deutlich offen. Ob die kurz vor Weihnachten gewählte rumänische Regierung darin einen Grund zum raschen Handeln erkennt, bleibt abzuwarten.

Der Zugang zur medizinischen Versorgung im ländlichen Raum, die in Zeiten der Pandemie eine lebenswichtige Rolle spielt, kann größtenteils nicht gewährleistet werden. Die vorhandene sehr schwache und veraltete Ausstattung der medizinischen Einrichtungen und das fehlende Fachpersonal verschärfen die Situation zusätzlich. Obwohl fast die Hälfte der Bevölkerung im ländlichen Raum lebt, befanden sich hier im Jahr 2019 nur 19,04 Prozent aller medizinischer Einrichtungen (Krankenhäuser, Arztpraxen, Ärztehäuser oder Apotheken). Die Anzahl der Facharztpraxen war im ländlichen Raum 23-mal geringer (nur 494 Arztpraxen) als im städtischen Raum. Und obwohl sich die Arztdichte in den letzten Jahren kontinuierlich erhöht hat, sind ländliche Räume mit einem Arzt bzw. einer Ärztin pro 1.576 Einwohner:innen (im Jahr 2018) mehr als unterversorgt. Im Vergleich befinden sich städtische Räume mit einem Arzt bzw. einer Ärztin pro 191 Einwohner:innen generell in einer besseren Versorgungssituation.

Zudem sorgen ein niedrigeres Ausbildungsniveau, ein generell geringeres Gesundheitsbewusstsein, verankert in der Mentalität der Einwohner:innen, und ein Defizit an Informationen dafür, dass sich Verschwörungstheorien im ländlichen Raum stärker verbreiten und Fuß fassen können. Die negativen Folgen zeigen sich vor allem in der Ignoranz staatlicher Schutzmaßnahmen.

Trotz jahrzehntelanger, laufender nationaler Bemühungen und europäischer Hilfsfonds, die auf die sozioökonomische Entwicklung des ländlichen Raumes abzielten, zeigt die Corona-Krise ein Bild der Hilfslosigkeit und Verzweiflung. Es wäre ein geeigneter Zeitpunkt die Effektivität und Effizienz dieser Entwicklungsprogramme im ländlichen Raum zu revidieren und kritisch zu hinterfragen. Inwieweit dies tatsächlich geschehen wird, bleibt offen.

Es gilt nun der immer größer werdenden Kluft zwischen ländlich und städtisch geprägten Räumen gegenzusteuern, diese dürfte aber noch lange bestehen bleiben und durch die aktuelle Pandemie erst richtig Fahrt aufnehmen.

Expert Statements

Dieser Artikel ist Teil unserer Expert Statements. In unserer zweiten Auflage fragen wir ein Jahr nach dem Beginn der Pandemie: Was hat sich verändert? Wie sieht die Situation in den Branchen, Themen und Ländern unserer Expert Community aus?

Sie wollen mit Ihrem Statement dabei sein? Tragen Sie sich ein und schreiben Sie uns zu Ihrem Expert Statement!

Mehr Lesestoff

engagieren
expertstatements

Post-COVID-Umweltperspektiven
in Lateinamerika und der Karibik

“Es ist verfrüht, von einer nahen Post-COVID-Zeit für Lateinamerika und die Karibik zu sprechen, denn trotz der Heterogenität der Region waren die sozialen Ungleichheiten und die mangelnde Befriedigung der Grundbedürfnisse in den meisten Ländern der zündende Faktor einer humanitären Katastrophe mit Epizentrum in Brasilien.” Welche gravierenden Folgen die COVID-19-Pandemie für die Umwelt in Lateinamerika und der Karibik hat, erläutert Dr. María Angela Torres Kremers in ihrem Expert Statement.

Von María Angela Torres Kremers, 29.04.2021

expertstatements
arbeiten

COVID-19 and labor market relations:
give the German Government a fixed role!

It is hard to predict the economic consequences of the pandemic, but it will surely hit the German and the Dutch labor market. How could the pandemic’s impact on the labor market be minimized? In his Expert Statement, Meüs van der Poel asks German politicians to be more courageous and to take a closer look at the Netherlands: “As in the Netherlands, give the German Federal Government a fixed role in labor market relations! German politicians should have the courage to move from dual consultations to triangular labor market relations. No guts, no glory!”

Von Meüs van der Poel, 27.04.2021

informieren
expertstatements

Das eine Netz Welt,
in dem wir alle leben

“Ich habe kein Rezept für die dringend notwendige Behandlung dieses Zustandes, aber eins hat sich mir ganz klar eingeschrieben: Die immer komplizierter werdenden Informationen von Expert:innenseite müssen allen in verständlicher Weise kommuniziert werden; ich glaube, dass hier den Wissenschaftsjournalist:innen eine ganz wesentliche Stellung zukommt.” Ein Expert Statement von Dr. med. Ute Altanis-Protzer zur Bedeutung von Wissenschaftsjournalismus in der Pandemie.

Von Ute Altanis-Protzer, 22.04.2021

informieren
expertstatements

Beratung und Seminare in der Coronakrise:
tiefe Dialoge sind auch digital möglich

“Die Coronakrise bedeutete auch für uns Umstellung auf Online-Seminare. Wir sind in diesem neuen Format bei unserer Grundidee geblieben: Leadership und Transformationsdialoge um Coachingelemente zu bereichern. Eine der spannendsten Erfahrungen war, dass es möglich ist, auch in virtuellen Seminaren tiefe Gespräche zu führen, die völlig neue Erkenntnisse fördert.” Ein Expert Statement von Dr. Edith Münch und Prof. Helmut Ebert.

Von Edith Münch und Helmut Ebert, 20.04.2021