Post-COVID-Umweltperspektiven
in Lateinamerika und der Karibik

María Angela Torres Kremers , 29.04.2021

Gezeichnet von Michael Mutschler

“Es ist verfrüht, von einer nahen Post-COVID-Zeit für Lateinamerika und die Karibik zu sprechen, denn trotz der Heterogenität der Region waren die sozialen Ungleichheiten und die mangelnde Befriedigung der Grundbedürfnisse in den meisten Ländern der zündende Faktor einer humanitären Katastrophe mit Epizentrum in Brasilien.” Welche gravierenden Folgen die COVID-19-Pandemie für die Umwelt in Lateinamerika und der Karibik hat, erläutert Dr. María Angela Torres Kremers in ihrem Expert Statement.

Dieser Beitrag erschien als Teil unserer #expertstatements

Die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen sind beispiellos: 7,7% Schrumpfung des BIP (ECLAC, 2021), 60,1% informelle Beschäftigung, mehr als die Hälfte der Arbeiter:innen ohne soziale Absicherung (ECLAC, 2020), hohe Ungleichheit mit einem durchschnittlichen GINI Koeffizienten von 0,46 (WB, 2020). Diese harte menschliche und wirtschaftliche Realität stellt die Entwicklungsmodelle in der Region in Frage, die auf der massiven Ausbeutung und dem Export von Rohstoffen, dem Wettlauf um die Eingliederung in die globalen Märkte und der Suche nach ausländischen Investitionen um jeden Preis basieren und in Konsequenz schwerwiegenden Auswirkungen auf die ökologischen Grundlagen der Region nach sich ziehen. Dieses Model ist ohne Zweifel eine massiv ausgeweitete Fortsetzung von Prinzipien der Kolonialisierung.

Die Pandemie verschärft weiterhin die schwierigen Bedingungen, unter denen ein großer Teil der Bevölkerung in allen Ländern der Region bereits litt, wie der Ausbruch gewaltsamer Proteste in Chile (2019) zeigte –dem vermeintlichen Vorbild für die Entwicklung in der Region. Hinter den Preiserhöhungen im chilenischen öffentlichen Nahverkehr steckte unteranderem auch das unerbittliche privatisierte System der Trinkwasserversorgung, bei dem zum Beispiel Bevölkerungsgruppen in relativ trockenen Gebieten mit Avocado-Produzenten um Wasser konkurrieren müssen. Der globale Atlas der Umweltkonflikte (EJAtlas, 2020) weist auf 364 wasserbezogene Umweltkonflikte in Lateinamerika hin.

Wir leben in einer “Umwelttragödie”, wie Wissenschaftler:innen und Akademiker:innen in einer kürzlich erschienenen ECLAC-Publikation die Umweltsituation in Lateinamerika bezeichneten. Die Bilder der Waldbrände im Amazonasgebiet, die um die Welt gingen, sind die Warnglocke für Lateinamerikaner:innen und die Welt. Wenn das so weitergeht, sind 40 % der globalen Biodiversität, ein Viertel der weltweiten Wälder und 30 % der weltweiten Süßwasserquellen in Gefahr.

Die Region befindet sich an einem Kipppunkt, da die “unkontrollierte” Veränderung der Landnutzung feuchte und trockene Ökosysteme und Savannen zerstört hat, die bis vor kurzem noch Reservate, Teil von Schutzgebieten oder Lebensraum für zerstreute Menschen und Tiere. Die Abholzungsrate ist laut The Nature Conservancy dreimal so hoch wie der globale Durchschnitt, und das Risiko des Verlusts der biologischen Vielfalt ist laut WWF das höchste der Welt.

Die Verwundbarkeit der indigenen, afroamerikanischen und bäuerlichen Gemeinschaften in diesen Regionen war bereits vor der Pandemie sehr hoch. Aber dort, wo der Abbau stattfindet, sind diese am stärksten von physischer Bedrohung, Vertreibung und Zerstörung ihrer Lebensräume betroffen. Vier Länder in der Region, Brasilien, Kolumbien, Honduras und Mexiko, gelten zusammen mit den Philippinen als die weltweit gefährlichsten für Umweltaktivisten (Global Witness, 2020). Auch Mitarbeiter:innen der Verwaltung in Naturparks, Wissenschaftler:innen, Umweltjournalist:innen und zivil gesellschaftliche Vereinigungen werden für ihr Engagement bedroht.

Die Ursachen für diese Umweltkatastrophe sind unter anderem:

  • Die Etablierung von Industriekulturen wie der großflächige Anbau von Ölpalmen, Zuckerrohr, Soja, Avocado, Kakao, Holzwälder u.a. in Brasilien, Bolivien, Kolumbien, Ecuador, Honduras, Peru, Chile.
  • Die Gewinnung von Edelhölzern in Brasilien, Peru, Kolumbien, Paraguay.
  • Illegaler Goldabbau in Peru, Kolumbien, Brasilien, Venezuela.
  • Ölförderung, Fracking und Verschmutzung durch Öl und Abfälle dieser Tätigkeit in Ecuador, Kolumbien, Argentinien.
  • Transport-Korridore, insbesondere im Amazonasgebiet im Rahmen der Regionalen Integrationsinitiative südamerikanischer Infrastruktur, IIRSA.
  • Extensive Viehzucht in Brasilien, Kolumbien.
  • Energie- und Bergbau-Megaprojekte in Brasilien, Kolumbien, Peru, Chile.
  • Illegaler Anbau von Pflanzen zur Produktion von Kokain, Opium, Cannabis in Brasilien, Bolivien, Kolumbien, Paraguay, Peru, Venezuela.

Die Möglichkeiten, aus diesem Scheideweg zwischen Umweltvernichtung und sozialer Ungleichheit herauszukommen, hängen davon ab, welche Maßnahmen die derzeitigen Regierungen beschlossen haben

  • zur Eindämmung und Überwindung der Gesundheitskrise,
  • zur Reaktivierung der Wirtschaft und
  • für eine langfristige Erholung.

Bei der Erholung ist es entscheidend, wie viel Bedeutung der Einbeziehung von Umweltvariablen und der gemeinsamen partizipativen Governance unter Einbeziehung der zivilgesellschaftlichen Stakeholder beigemessen wird, um aus der Falle nicht nachhaltiger Entwicklungsmodelle herauszukommen, in der sich die Länder befinden.

In diesem Sinne hat die Allianz von NGOs “Nachhaltiges Lateinamerika” (Nov.2020) Maßnahmen (oder deren vorläufige Formulierung) von 26 Ländern untersucht: Nur 15 Länder haben bis jetzt an Wiederherstellungsplänen gearbeitet. Von diesen werden Umweltaspekte nur in den Dokumenten von Chile, Kolumbien und Costa Rica berücksichtigt. Keiner der untersuchten Länder hatte Maßnahmen im Zusammenhang mit dem Schutz der biologischen Vielfalt oder dem Verlust natürlicher Lebensräume erwähnt, die vermutlich ein Risiko für Krankheiten und Pandemien wie das Coronavirus sind, aber auch der Reichtum der Region bedeutet. Es fehlt also ein umfassenderer und systemischer Ansatz als Voraussetzung für die Problemlösung.

Parallel zu den nicht gerade nachhaltigen Ereignissen, die vorher erwähnt wurden, gibt es andere, die bei der Stärkung der Kapazitäten von Gemeinden voranschreiten oder die Arbeitsergebnisse der Gemeinden selbst sind, um Entwicklungsmodelle von der lokalen Ebene aus in eine nachhaltige Richtung hin zu modifizieren:

  • Das Escazú-Abkommen, das am 22. April 2021 in Kraft tritt, ist das erste Umweltabkommen für Lateinamerika und die Karibik. Sein Ziel ist es, die vollständige und wirksame Umsetzung der Rechte auf Zugang zu Umweltinformationen, auf Beteiligung der Öffentlichkeit an umweltbezogenen Entscheidungsprozessen und auf Zugang zu den Gerichten in Umweltangelegenheiten zu gewährleisten.
  • Initiativen und Bewegungen für die Ernährungssouveränität in Brasilien, der Andenregion, Mittelamerika, Mexiko und Kuba. Diese fördern die Agrarökologie sowie bäuerliche und indigene Landwirtschaft, geleitet von ökonomischen und ökologischen Überlegungen (Schutz und Reproduktion der Agro-Biodiversität der Region – Ursprungszentrum von Mais, Kartoffeln, Tomaten, Bohnen, Quinoa u.a.).
  • Eine starke und organisierte indigene Bewegung, die gelernt hat, im Rahmen der Einforderung ihrer Rechte auf der Grundlage internationaler Abkommen und Konventionen einzufordern und zu verteidigen.

Das Aufkeimen eines biozentrischen Paradigmas des Umweltschutzes, das den Fokus auf die Rechte der Natur setzt, als Alternative zum westlichen (anthropozentrischen) Paradigma.

Für eine wachsende Zahl von Akademiker:innen, Wissenschaftler:innen, Vertreter:innen zivil-gesellschaftlicher Organisationen, Entscheidungsträger:innen, Journalist:innen und Medien der Region erfordert jede Veränderung in Richtung Nachhaltigkeit, das Potential des Territoriums durch trans- und interdisziplinäre Prozesse zu erkennen. Auf dieser Ebene gibt es zahlreiche Stimmen, die eine “Entkolonialisierung” der Konzepte der Nachhaltigen Entwicklung fördern.

Fazit

Zusammenfassend kann man noch nicht absehen, wie die Regierungen der Länder Lateinamerikas und der Karibik die schwerwiegenden Auswirkungen der Pandemie bewältigen werden. Es wäre jedoch kontraproduktiv, dass - wie in der Krise 2008 - erneut Politiken und Maßnahmen implementiert werden, die den erforderlichen Paradigmenwechsel von ungebremstem Wirtschaftswachstum hin zu einer sozial-ökologischen Transformation ignorieren.

Zur Person

María Angela Torres Kremers

Journalismus, Kommunikation, Lateinamerika und Umwelt bilden den Rahmen, in dem Dr. María Angela Torres Kremers ihre langjährige berufliche Tätigkeit im Umweltbereich entwickelt hat. Sie studierte Journalismus in Kolumbien und arbeitete zunächst für Umwelt-NROs und danach für das Nationale Institut für Natur- und Umweltschutz Kolumbiens. Bereits ab der Internationalen Konferenz für Umwelt und Entwicklung „Rio 1992“ vertiefte sie ihr Engagement für die internationale Umweltpolitik insbesondere bezüglich der Unterschiede zwischen Ländern des Globalen Nordens und des Globalen Südens (mit Fokus auf Lateinamerika). Bis 1999 arbeitete sie in Kolumbien als Universitätsdozentin mit Lehraufträgen an mehreren Universitäten und als Kommunikationsdirektorin für das kolumbianische Institut für Umweltwissenschaften (IDEAM). 2003 promovierte sie zum Thema „Umweltkommunikation in Entwicklungsländern“ in den Fachgebieten Kommunikationswissenschaften, Geschichte und Politik Lateinamerikas an der Universität Eichstätt. Anschließend kehrte sie zurück nach Kolumbien und arbeitete dort als Kommunikationsberaterin für die GIZ (vormals GTZ Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit) und als Universitätsdozentin. Seit Ende 2011 lebt sie in Deutschland und widmet sich der journalistischen Aufarbeitung von Wechselwirkungen zwischen deutscher, europäischer und internationaler Umweltpolitik und den ökologischen und sozio-ökologischen Realitäten in Ländern Lateinamerikas und der Karibik. Durch intensive Teilnahme an regionalen, internationalen und globalen Konferenzen und Expertentreffen, bei aktiver Mitgliedschaft beim Lateinamerika Forum Berlin e.V., in regionalen Netzwerken Lateinamerikas, internationalen Organisationen wie IECA (International Environmental Communication Association) und global orientierten Organisationen wie die DGVN (Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen) bildet sie aktuelle und fundierte Beurteilungen des Umweltgeschehens in Lateinamerika. Berichte, Interviews und Dokumentationen veröffentlicht sie regelmäßig in ihren eigenen digitalen Medien „Revista YARUMO Internacional“ und „Plattform YARUMO“ für lateinamerikanische Leser und international spanischsprachige Interessierte.

Mehr erfahren

Sie suchen nach Expert:innen, die Ihnen weiterhelfen? Melden Sie sich bei uns!

Expert Statements

Dieser Artikel ist Teil unserer Expert Statements. In unserer zweiten Auflage fragen wir ein Jahr nach dem Beginn der Pandemie: Was hat sich verändert? Wie sieht die Situation in den Branchen, Themen und Ländern unserer Expert Community aus?

Sie wollen mit Ihrem Statement dabei sein? Tragen Sie sich ein und schreiben Sie uns zu Ihrem Expert Statement!

Mehr Lesestoff

engagieren
expertstatements

Corona-Pandemie in Rumänien:
Die Kluft zwischen Stadt und Land wächst

“Die Pandemie verschärft in Rumänien die bereits vorhandenen Disparitäten zwischen ländlichen und städtischen Räumen. Sie führt uns nochmals den maroden Zustand des Gesundheits- und Schulsystems in ganz besonderer Weise vor Augen. Fehlende Technologien, Ressourcen und fachliche Kompetenzen ziehen in der Corona-Krise vor allem sozial vulnerable Bevölkerungsschichten in ländlichen, peripheren Räumen in Mitleidenschaft.” Ein Expert Statement von Dr. Karolina Purnhauser.

Von Karolina Purnhauser, 15.04.2021

expertstatements
arbeiten

COVID-19 and labor market relations:
give the German Government a fixed role!

It is hard to predict the economic consequences of the pandemic, but it will surely hit the German and the Dutch labor market. How could the pandemic’s impact on the labor market be minimized? In his Expert Statement, Meüs van der Poel asks German politicians to be more courageous and to take a closer look at the Netherlands: “As in the Netherlands, give the German Federal Government a fixed role in labor market relations! German politicians should have the courage to move from dual consultations to triangular labor market relations. No guts, no glory!”

Von Meüs van der Poel, 27.04.2021

informieren
expertstatements

Das eine Netz Welt,
in dem wir alle leben

“Ich habe kein Rezept für die dringend notwendige Behandlung dieses Zustandes, aber eins hat sich mir ganz klar eingeschrieben: Die immer komplizierter werdenden Informationen von Expert:innenseite müssen allen in verständlicher Weise kommuniziert werden; ich glaube, dass hier den Wissenschaftsjournalist:innen eine ganz wesentliche Stellung zukommt.” Ein Expert Statement von Dr. med. Ute Altanis-Protzer zur Bedeutung von Wissenschaftsjournalismus in der Pandemie.

Von Ute Altanis-Protzer, 22.04.2021

informieren
expertstatements

Beratung und Seminare in der Coronakrise:
tiefe Dialoge sind auch digital möglich

“Die Coronakrise bedeutete auch für uns Umstellung auf Online-Seminare. Wir sind in diesem neuen Format bei unserer Grundidee geblieben: Leadership und Transformationsdialoge um Coachingelemente zu bereichern. Eine der spannendsten Erfahrungen war, dass es möglich ist, auch in virtuellen Seminaren tiefe Gespräche zu führen, die völlig neue Erkenntnisse fördert.” Ein Expert Statement von Dr. Edith Münch und Prof. Helmut Ebert.

Von Edith Münch und Helmut Ebert, 20.04.2021