Fotografie
in Zeiten von Corona

Fabian Haas , 06.05.2021

Gezeichnet von Michael Mutschler

„Virtuelles bestimmt also in der Krise unsere Wahrnehmung und die Frage bleibt, ob das nicht visuelle Fake News sind? Wo hört die Realität auf, wo wird das virtuelle bedeutender als die Realität? Warum begnügen wir uns eigentlich mit der Simulation??“ Ein Expert Statement von Dr. Fabian Haas zur Fotografie in der Corona-Pandemie.

Dieser Beitrag erschien als Teil unserer #expertstatements

In meinem ersten Expert Statement sagte ich, Corona würde die Fotografie für immer verändern, auch dass die Pandemie das Bild eines Virus prägen wird. Wir sind ein Jahr weiter, immer noch im Lockdown, und was ist nun tatsächlich passiert. 

Wirtschaftlich liegt “die Fotografie” natürlich weiter darnieder. D. h. die Fotograf:innen, die auf Events, Tagungen und Workshops angewiesen waren und sind, leiden weiterhin unter dem Fehlen solcher Aufträge. Workshops sind verstärkt ins Internet ausgewichen und Bezahlplattformen wurden populärer. Ob dies nun wirklich den Präsenzunterricht ersetzen kann, bezweifele ich.  Selbst nach langem Training durch Home-Office ist das etwas anderes. Die Fotografie ist eben ein haptisches Vergnügen, sobald man die Kamera anfasst. Sie ist ein körperliches Vergnügen, wenn man gegen das Gewicht der Ausrüstung arbeitet und lange Wege bis zum Motiv zurücklegt. Das lässt sich so alles nicht online vermitteln. Die Fotografie ist wieder etwas stärker computerzentriert geworden, ob der Trend zum analogen Bild und die heimische Dunkelkammer in dieser Zeit wirklich populärer geworden ist, bezweifle ich aber. Natürlich schlägt sich Corona auch auf den Werbemarkt und seinen Bildverbrauch nieder – mehr und frische Reisebilder braucht derzeit niemand, genauso wenig wie Bilder für Airlines. 

 

Interessant ist aber zu sehen, wie man sich an die Quarantänemaßnahmen angepasst hat, Abstände vergrößert und – na ja Sie kennen die Maßnahmen. Und so wird doch noch ein Teil der Arbeit geleistet. „Ferngesteuerte” Projekte, auch Titelbilder von Magazinen, gibt es zwar immer wieder, wo Menschen vor der Kamera posieren und der Fotograf remote Instruktionen gibt. So richtig durchgesetzt hat sich das aber nicht. Maskenfotos wurden immerhin als weitere Portraitform entdeckt. Vielleicht ist das nur eine verhüllende Offenbarung, wie wir es ja jeden Tag mit unserer Kleidung tun? Kleider machen Leute. Masken machen Leute. Allerdings sind wir biologisch sehr auf vollständige Gesichter programmiert und sehen, selbst in Steinhaufen auf dem Mars, gerne mal Gesichter. Gesichtet wurden auch schon Vorher-nachher-Projekte, in denen Menschen eben mit Maske und dann wieder, nach der Pandemie ohne Maske portraitiert werden. Spannend, wer und was dann zum Vorschein kommt. In der Welt der Minifiguren ist übrigens der eigentliche Virus – also seine gebastelte Darstellung – wieder aus den Fotos verschwunden. Geblieben sind die Masken, die, seltener geworden in den Bildern, einfach nur als weitere Requisite dienen. 

Portraitiert wurde ja auch das Unsichtbare, der Virus. Unsichtbar ist er natürlich für das bloße Auge. Mikroskopische Verfahren können Viren schon lange abbilden. Das sind nun aber nicht gerade schöne Bilder … körnig, wenig Auflösung, unscharf. Das mögen wir nicht mehr, es muss schön sein. Während aber entsprechende Filter der Bildbearbeitung nur Fältchen und Fleckchen aus der Haut heraus polieren, und so eine medizinisch unmöglich ebenmäßige Haut erzeugen, gegenüber der, der sprichwörtlich glatte Kinderpopo wie Schmirgelpapier aussieht, ging man beim Virus einen Schritt weiter. Es wurde ein Komplettmodell erstellt, das den Virus in den Medien vertrat – ebenso, wie der IKEA-Katalog nicht mehr fotografiert wird, sondern ganz aus dem Computer kommt. Das erste, prägende Modell war sicher das der CDC. Das wurde aber mittlerweile durch andere Modelle variiert und zum Teil abgelöst. Auch wird nicht mehr penetrant jede Virusnachricht mit dem Konterfei des Gegners unterlegt. Man kennt ihn! Und scherzt mit ihm, wie die vielen Emoticons, die für die Messengerdienste gemacht wurden, beweisen. 

Virtuelles bestimmt also in der Krise unsere Wahrnehmung und die Frage bleibt, ob das nicht visuelle Fake News sind? Wo hört die Realität auf, wo wird das virtuelle bedeutender als die Realität? Warum begnügen wir uns eigentlich mit der Simulation??

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