Ein Jahr Corona:
Wenn keiner mehr klatscht

Christian Salzborn , 26.05.2021

Gezeichnet von Michael Mutschler

„In einer Phase der jammernden Selbstdarsteller und gemeinsamer Erfahrungen steckt großes Potential für die Zukunft unserer Gesellschaft. Denn diese besinnt sich, was wirklich wichtig ist: Gemeinschaft, Solidarität, funktionierende Strukturen und Anerkennung für all die, die unsere Gesellschaft zusammenhalten. Applaus!“ Ein Expert Statement von Dr. Christian Salzborn.

Dieser Beitrag erschien als Teil unserer #expertstatements

Als ich vor fast genau einem Jahr den ersten Beitrag zu Corona schrieb, wehten an vielen Bäumen die Zettel, die Hilfe für die Alten und Schwachen offerierten. Auf den Balkonen wurde dem medizinischen und Pflegepersonal geklatscht, so manches Land übte sich in kleinen Balkonkonzerten, um Solidarität und Gemeinschaft zu demonstrieren.

Heute klatscht keiner mehr. Die Musik ist verklungen. Ein Jahr nach Corona ist der Akku der Solidarität bei Vielen leer. Homeschooling, Homeoffice und dieses generelle „@Home“ die ganze Zeit, jeden Tag, zermürbt die Menschen. Ein Thema auch für die Medien. Sie versorgen uns täglich mit neusten Ideen der Politik, Einzelschicksalen und sich ständig ändernden Indizes. Sie tragen dazu bei, eine „existenzielle Unsicherheit global und gleichzeitig, und zwar in den Köpfen der medial vernetzen Individuen selbst“ (Habermas 2020) zu fördern. Die Unsicherheit ist ein steter Begleiter in allen gesellschaftlichen Strukturen geworden. Gefördert wird sie auch von einem monatelangen Schlingerkurs der Politik und Expert:innen, die sich selbst nicht immer einig sind. „So viel Wissen über unser Nichtwissen und über den Zwang, unter Unsicherheit handeln und leben zu müssen, gab es noch nie.“ (ebd.)

Während sich Viele von Tag zu Tag hangeln, stets hoffend, dass sich alles irgendwann wieder zum Guten wendet, lassen andere ihrem Unmut freien Lauf. Das Netz als „Medium des Protestes“ (Salzborn 2017) fährt zu Hochform auf. Kreativ betitelt als „Corona-Hass“ und „digitales Gift“ (NZZ) oder als „Hate Speech in Coronazeiten“ (Spiegel) umschrieben. Der Hass wird auch auf die Straße getragen. Die Bilder zehntausender Demonstrierender in Kassel oder Stuttgart sind prägend. Der Hass erlangt eine „analoge Verlängerung“ in die reale Welt. Online und Offline hassen sozusagen parallel. Beide Welten befruchten sich dabei gegenseitig. Im Netz wird zu Demonstrationen aufgerufen und werden Protestbewegungen geplant. Der Hass auf der Straße führt zu neuen Themen und Bildern im Netz, die die Basis für neuen Hass und neue Hetze sind. Die ausufernde Form des Protestes ist gefährlich, denn im Netz kann niemand verprügelt werden, niemand wird verletzt, zumindest nicht physisch. Doch draußen auf der Straße richtet sich die Gewalt gegen alle anders Denkenden; die Polizei, Journalist:innen, Politiker:innen. Einer solchen Dimension Herr zu werden ist schwierig, denn man kämpft an der digitalen wie analogen Front.

Da wird schnell von einer „Gesellschaft unter Spannung“ gesprochen (Tagesspiegel 2020). Gar eine  Spaltung prognostiziert (Bertelsmann-Stiftung 2020). Dabei sind Herausforderungen wichtig, um sich als Gesellschaft selbst zu erkennen und die Bedeutung des Zusammenhaltes zu verstehen. Gesellschaften passen sich an und verändern sich. Im Laufe der Geschichte ein immer wiederkehrender Prozess (vgl. IKG 2020).

Corona hat viele Probleme und Schwachstellen der aktuellen Zeit wie ein Brennglas zutage gebracht. Schwächen in der Digitalisierung, im Gesundheits- und Bildungssystem, in den Abhängigkeiten von anderen Staaten, dem Föderalismus oder der deutschen Bürokratie. Sie hat dem Individuum ebenso gezeigt, wie einsam das Leben ohne die anderen ist.

Wir sind in den letzten Jahrzehnten eine Gesellschaft der Singularitäten und Selbstdarsteller:innen, Social Media sei Dank, geworden. Dies ist nun nicht mehr möglich, denn alle sitzen im selben Boot, erleben dieselben Auflagen und Regularien. „Genauso zu sein wie andere, sich nicht zu unterscheiden und einfach ganz normal betroffen zu sein von der Krise, wird für viele Menschen eine interessante, für manche auch durchaus verstörende Erfahrung sein, da es mit dem ihrem bisherigen Selbstbild, etwas Besonderes zu sein, kontrastiert“ (ebd.). Narzissten haben es gerade sehr schwer.

In einer solchen Phase der jammernden Selbstdarsteller:innen und gemeinsamer Erfahrungen steckt großes Potential für die Zukunft unserer Gesellschaft. Denn diese besinnt sich, was wirklich wichtig ist: Gemeinschaft, Solidarität, funktionierende Strukturen und Anerkennung für all die, die unsere Gesellschaft zusammenhalten.

Applaus!

Expert Statements

Dieser Artikel ist Teil unserer Expert Statements. In unserer zweiten Auflage fragen wir ein Jahr nach dem Beginn der Pandemie: Was hat sich verändert? Wie sieht die Situation in den Branchen, Themen und Ländern unserer Expert Community aus?

Sie wollen mit Ihrem Statement dabei sein? Tragen Sie sich ein und schreiben Sie uns zu Ihrem Expert Statement!

Mehr Lesestoff

expertstatements
informieren

Offene Schulen während der Corona-Pandemie
ein französischer Sonderweg?

“Macrons Satz “Pas facile d’avoir 20 ans en 2020” (zu Deutsch: “Nicht einfach, im Jahr 2020 zwanzig Jahre alt zu sein”) wurde zum Flügelwort für den sogenannten dritten Weg: Corona-Maßnahmen sollen verstärkt Rücksicht auf die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen nehmen. Die Idee, Schulen lange aufzuhalten, wurde von vielen Bildungsexpert:innen begrüßt und sorgte für eine Verbesserung des gesellschaftlichen Klimas – wie zerbrechlich der Erfolg des dritten Weges ist, zeigt sich jedoch immer, wenn sich die Lage zuspitzt, wie zuletzt im Januar und Februar.” Offene Schulen in der Corona-Pandemie: Julia Burmeister beschreibt im Expert Statement den französischen Sonderweg.

Von Julia Burmeister, 11.05.2021

informieren
expertstatements

Vergessen wir den persönlichen Austausch nicht
im digitalen Zeitalter

Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 wurden Meetings in Unternehmen, Lehrveranstaltungen an Hochschulen und Café-Talks unter Freuden innerhalb kürzester Zeit in den digitalen Raum verlegt. Während einige bereits auf digitale Erfahrungen aufbauten, betraten andere Neuland. Fest steht, wir haben unsere digitalen Kompetenzen in den letzten Monaten rasant und massiv erweitert. Jetzt stellt sich für viele die Frage: Wie soll das alles weitergehen; (noch) mehr oder (wieder) weniger digital? In ihrem Expert Statement beschreibt Prof. Dr. Katharina Klug Zukunftszenarios für erfolgreiche Kommunikation und erklärt: “Vergessen wir den persönlichen Austausch nicht im digitalen Zeitalter”.

Von Katharina Klug, 04.05.2021

informieren
expertstatements

Die Latenz der Menschlichkeit –
Corona, Shitstorms und Hatespeech

„In Zeiten von Corona erleben die Menschen eine Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft. Hat Corona den Hass besiegt? Nein! Zum einen ist es eine menschliche Eigenschaft, in Notsituationen zu helfen. Ebenso haben die Leute aktuell Wichtigeres zu tun. Ein sorgenfreies Leben scheint ein guter Nährboden für die Entwicklung von Hatespeech und Shitstorms zu sein. Doch wie echt ist eine Solidarität, die nur in Krisenzeiten auftritt? Es wäre wünschenswert, wenn etwas Menschlichkeit auch nach Corona in der Gesellschaft weiterlebt.“ - Eines unserer #expertstatements von Dr. Christian Salzborn.

Von Christian Salzborn, 09.04.2020

expertstatements
entfalten

Die Tourismus- und Reisewelt
nach Corona

“Es braucht mehr an Solidarität und Zusammenarbeit, um die Tourismusbranche in ökologischer als auch in ökonomischer und sozialer Hinsicht nachhaltiger gestalten und positive Signale für die Tourismuszukunft setzen zu können.” Lisa Asbäck-Kreinz spricht im Expert Statement über Perspektiven für die Reisebranche nach Corona.

Von Lisa Asbäck-Kreinz, 19.05.2021