Wie geht Nachhaltigkeit
in den Life Sciences?

Kerstin Hermuth-Kleinschmidt und Heiner Weigand , 28.10.2021

Das langsame Ende der Corona-Pandemie scheint in greifbare Nähe zu rücken. Ganz ohne Frage ein Verdienst der Life Sciences. Doch auch die Klima-Krise mit potenziell ebenso dramatischen Auswirkungen ist noch da, auch wenn sie in der Öffentlichkeit gerade Pause macht. Und – auch in Sachen Nachhaltigkeit kommt den (ressourcenintensiven) Life Sciences eine zentrale Rolle zu.

Die aktuelle Corona-Krise hat den Life Sciences- und Pharma-Sektor in den Fokus gerückt: noch nie war die Impfstoffentwicklung so schnell, Covid-Tests sind in verschiedenen Varianten verfügbar und global wurde in Forschung und Entwicklung eng zusammengearbeitet. In den letzten Monaten wurde deutlich, welch große Bedeutung dieser Wirtschaftsbereich hat – Labore, Forschungseinrichtungen und nicht zuletzt das Gesundheitswesen leisten derzeit wichtige Arbeit.

Auf der anderen Seite deutete sich bereits vor Covid an, dass diese Branche auch in Sachen Nachhaltigkeit mehr in den Fokus rückt. Der hohe Bedarf an Einmal-Materialien wie Handschuhen oder Pipettenspitzen sei hier genannt oder die Notwendigkeit, Reagenzien und Produkte bei tiefen Temperaturen zu kühlen.

Forschung, Entwicklung und Produktion von Impfstoffen und Medikamenten, von Diagnostik-Tests sowie von Geräten und Verbrauchsmaterialien sind extrem wichtig, die Ergebnisse stehen im Vordergrund, genauso wie die Vorgaben durch Arbeits- und Gesundheitsschutz. Abläufe können nicht einfach geändert werden, schon gar nicht in validierten Bereichen. Aber das Bewusstsein über den hohen Ressourcenbedarf entlang der gesamten Wertschöpfungskette ist in den letzten Jahren gewachsen – und auch in der Life-Sciences-Branche wird es als Top-Thema für 2021 sowie darüber hinaus gesehen.

Nachhaltigkeit in Pharma und Life Sciences

Genauso eindeutig wie das Thema in der Branche angekommen ist, genauso eindeutig gibt es Nachholbedarf. Deutlich wird dies anhand einer Studie aus dem Jahr 2018, die die CO2-Emissionen der Pharmaindustrie weltweit auf 52 Millionen Tonnen schätzt. Das sind 55% mehr CO2-Emissionen als die Automobilindustrie erzeugt, die im gleichen Jahr auf 46,4 Millionen Tonnen kommt. In Deutschland lagen die Emissionen der Pharma-Industrie im Jahr 2017 bei 1,9 Millionen Tonnen CO2 und der Stromverbrauch bei 6,57 TWh.

Insgesamt sind dies momentan nicht nur viel zu hohe Emissionen und Energieverbräuche, es zeigt sich auch kein signifikanter Rückgang über die Jahre. Für die Einhaltung der Klimaziele wie der Vorgabe aus dem deutschen Klimaschutzgesetz, bis 2050 klimaneutral zu werden, braucht es noch einiges an Anstrengungen.

Es gibt allerdings Trends in der Branche, die in die richtige Richtung gehen, wie der Fokus auf Green Chemistry oder der Umstieg von Batch-Produktion in kontinuierliche Produktion. Andere Bereiche haben aber noch Optimierungspotenzial, wenn man beispielsweise bedenkt, dass die Produktion von 1 kg monoklonaler Antikörper circa 3500 bis 5000 kg CO2 emittiert – und 10 bis 20 MWh an Energie benötigt.

Zum Vergleich: Für die Produktion von Grundchemikalien wie Methanol, Ammoniak oder Wasserstoff wird lediglich ein 1000 stel davon benötigt. Um die Klimaziele zu erreichen, sollte die Effektivität von Methoden wie dieser bis 2030 um 50% verbessert werden, bis 2050 um 70%.

Ähnlich sieht es mit Einmalplastik aus: In vielen Bereichen des täglichen Lebens wird dessen Verbrauch reduziert, während er in den Life-Sciences zunimmt. Einer Schätzung zufolge sind in den Laboren der Branche im Jahr 2014 mehr als 5,5 Millionen Tonnen Plastikabfälle angefallen. Das macht ca. 2% der weltweiten Plastikabfälle aus.

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Unternehmen sehen sich also vielfältigen Anforderungen ausgesetzt: Kundenforderungen, wie der Einsatz von weniger Kunststoffen, alternativen Kunststoffen oder die Suche nach vollständigem Ersatz. Andererseits sind gerade in diesem Bereich Innovationen mit hohen Kosten und v. a. einem langen Zeithorizont verbunden. Auf der politischen Seite wird die Klimaneutralität vorangetrieben und gefordert. Das gilt nicht nur für Unternehmen, sondern auch Universitäten wie Forschungsgesellschaften nehmen die Vorgaben vermehrt auf.

Vielleicht kann man es gerade für diese Branche so sagen – Unternehmen sind sowohl Teil der Lösung als auch Teil des Problems. Sie sind einem besonderen Spannungsfeld ausgesetzt, denn egal ob Hersteller oder forschendes Unternehmen – sie müssen garantieren, dass Forschungs- bzw. diagnostische Ergebnisse verlässlich, schnell und sicher erhalten werden. Dazu kommen gesetzliche und regulatorische Vorgaben, vom streng geregelten diagnostischen Bereich bis zur Abfallentsorgung, die es so schwierig machen, Lösungen aus anderen Bereichen auf die Life- Sciences zu übertragen. Schließlich sind die Kosten ein wichtiger Faktor – sowohl bei der Entscheidung für eine bestimmte Richtung in der Produktentwicklung, die Ressourcen auf Jahre bindet als auch bei Anwendern, die sich mit knapper werdenden Forschungsbudgets für bestimmte Technologien entscheiden müssen.

Mehr Nachhaltigkeit in Unternehmen – aber wie?

Gerade die Life-Sciences-Unternehmen wählen oft einen technologieorientierten Ansatz, sind sie doch per se innovations- und technologiegetrieben. Ressourceneinsparungen für Unternehmen oder/und den Anwender ist das Entwicklungsziel – und Nachhaltigkeit ist ein „Nebeneffekt“, der mitgenommen wird, aber nicht unbedingt im Fokus steht. Und im Spannungsfeld zwischen klammer werdenden Budgets, engen Vorgaben und Anwenderwünschen hat Nachhaltigkeit bis vor kurzem einen schweren Stand gehabt.

Das ändert sich gerade und als Vorbilder können Unternehmen dienen, die das Thema schon lange im Blick haben, wie New England Biolabs (NEB), bei dem der Umwelt- und Nachhaltigkeitsgedanke von Beginn an fest verankert ist. Hier zeigt sich: Unternehmerischer Erfolg und nachhaltiges Handeln schließen sich nicht aus, sondern stellen sich heute mehr denn je als Wettbewerbsvorteil heraus. Denn – und auch das rückt immer mehr ins Bewusstsein – Nachhaltigkeit ist mehr als Umweltaspekte und Ressourceneinsparungen zu berücksichtigen.

Vielmehr geht es darum, das Thema ganzheitlich anzugehen, soziale, ökonomische und ökologische Aspekte gleichwertig zu betrachten und strategisch zu denken. Man spricht in diesem Zusammenhang von der „Tripple Bottom Line“, also der Balance aus ökologischen und sozialen Aspekten im Unternehmen einerseits und der ökonomischen Perspektive andererseits. Denn in einer Marktwirtschaft können Unternehmen auf Dauer nur existieren, wenn sie Gewinne erwirtschaften. Ein nachhaltig arbeitendes Unternehmen, das vom Markt verschwindet, weil es nicht genug verdient, ist gleich ein doppelter Schaden. Denn zum einen steht die Existenz von Mitarbeiter*innen auf dem Spiel und zum anderen gibt es eben ein grünes Unternehmen weniger.

Gerade in Bereichen, in denen der Kostendruck hoch und die Margen gering sind, wie bei öffentlichen Aufträgen, ist die Notwendigkeit der Balance der Tripple Bottom Line besonders hoch. Wie kann diese Balance gelingen?

Jetzt reinhören: unsere Podcastfolge zum Thema CSR & Nachhaltigkeit

Podcast 20blue hour, Folge 8: CSR & Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit ist in aller Munde, wird aber bei Themen wie CSR-Reporting jedoch häufig immer noch als eher anstrengend und aufwändig wahrgenommen. In dieser Folge der 20blue hour spricht Anja Mutschler mit den Nachhaltigkeitsberater:innen und CSR-Profis Dr. Kerstin Hermuth-Kleinschmidt und Heiner Weigand über aktuelle Herausforderungen und Entwicklungen.

Von Anja Mutschler , 01.11.2021

Die SDGs als strategischen Fahrplan nutzen

Das Jahr 2015 verbindet man im Nachhaltigkeitskontext mit der Verabschiedung des Pariser Klimavertrags. Im gleichen Jahr wurden in New York die Agenda 2030 und mit ihr die 17 Nachhaltigkeitsziele der UN verabschiedet. Mit diesen Sustainable Development Goals (SDG) haben die Vereinten Nationen Politik, Gesellschaft und Unternehmen einen strategischen Fahrplan bereitgestellt, der als Orientierung dienen kann, wie Nachhaltigkeit im eigenen Kontext umgesetzt werden kann (s. LP-Info-Kasten). Die zentrale Frage für jeden Akteur lautet: Wo betreffen uns die SDGs und wie können wir, in diesem Fall als Unternehmen, zu deren Umsetzung und Erfüllung beitragen?

Genauso wichtig sind soziale Aspekte, wie Geschlechtergleichheit: Wie sieht es in ihrem Unternehmen mit gleicher Bezahlung oder dem Frauenanteil aus, besonders in Führungspositionen oder technisch dominierten Bereichen? Auch dies ist ein Thema für Life Sciences-Unternehmen – was man am Beispiel des Berliner Geräteherstellers Knauer sehen kann: Mit einer Frauenquote von 35% in Führungspositionen liegt das Unternehmen deutlich über dem Durchschnitt von 21% und auch in Sachen Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen betrug der Unterschied im Jahr 2020 gerade mal 2,6%, während der bundesweite Durchschnitt bei 21% liegt.

  • Schritt 2: Wesentlichkeitsanalyse – wo berühren die SDGs konkret: Mit der Wesentlichkeitsanalyse geht man als Unternehmen in die Tiefe. Zentrale Frage ist dabei, welche Auswirkungen ein bestimmtes Thema auf das eigene Unternehmen, aber auch auf Stakeholder, wie Kunden, Lieferanten, Mitarbeiter oder auch Medien, Investoren und andere Partner hat. Durch die Orientierung an den Nachhaltigkeitszielen hat man alle Bereiche „auf dem Schirm“ und kann gemeinsam mit Stakeholdern die relevanten Aspekte identifizieren. Wichtig dabei – weniger ist mehr. Es ist sinnvoller, sich auf einige wenige Aspekte zu konzentrieren und diese konkret umzusetzen. Wie die Auseinandersetzung und Einbeziehung der SDGs in die eigenen Unternehmensstrategie gelingen kann, zeigt der Nachhaltigkeitsbericht von Evonik. Dieser nimmt Handlungsfelder und wesentliche Themen auf und verknüpft sie mit den SDGs, die für das Unternehmen konzernrelevant sind. Damit können Risiken identifiziert und Maßnahmen entwickelt werden.

  • Schritt 3: Nachhaltigkeitsprozess initiieren und ins Handeln kommen: Jetzt geht es darum, die eigene Nachhaltigkeitsstrategie – also den individuellen Nachhaltigkeitsweg – konkret zu planen, in die Unternehmensstrategie zu implementieren und umzusetzen. Status quo bestimmen: Wo stehen wir in den von uns definierten Handlungsfeldern? Kennen wir alle wichtigen Kennzahlen für diesen Bereich? Welche Prozesse können verbessert werden und – nicht zu vergessen – wie sieht es mit möglichen Risiken aus? Nichtsdestotrotz sind laut einer Umfrage aus dem Jahr 2018, die die Auswirkungen des CSR-Richtlinienumsetzungsgesetzes evaluierte, mehr als drei Viertel der teilnehmenden Unternehmen von den positiven Auswirkungen einer solchen Bestandsaufnahme auf Daten- wie Prozessqualität überzeugt.

Maßnahmen ableiten und Ziele definieren

Aus der Bestandsaufnahme heraus können nun gemeinsam Maßnahmen und Ziele erarbeitet werden. Wichtig dabei: Nachhaltigkeit umzusetzen ist einerseits Chefsache und die Verantwortung dafür sollte nicht an einen Nachhaltigkeitsbeauftragten ohne Befugnisse delegiert werden. Andererseits lebt dieser Prozess davon, Ideen aufzunehmen und als sinnstiftendes Projekt unternehmensweit umzusetzen. Außerdem dürfen Nachhaltigkeitsmaßnahmen nicht an einer oder wenigen Personen hängen, sondern müssen organisatorisch verankert werden. Ideen hier und Maßnahmen dort sind gut, aber für eine echte unternehmerische Nachhaltigkeit muss es eine strategische Planung geben. Nur mit dieser langfristigen Verankerung kann es einen echten Wechsel hin zu einer nachhaltigen Unternehmenskultur geben.

Nachhaltigkeit in einem Unternehmen zu implementieren, muss als Change-Prozess angesehen werden – nicht zuletzt haben die Unternehmen, welche heute als die nachhaltigsten in ihrer Branche gesehen werden, bereits vor vielen Jahren oder Jahrzehnten ihre ersten Schritte dorthin getan. Fangen Sie am besten sofort an. Die Etablierung einer Nachhaltigkeitsstrategie ist ein langer Managementprozess, im Umfang der Digitalisierung nicht unähnlich. Dennoch ist es wichtig, direkt zu Beginn wertvolle Erfahrungen zu sammeln, auszuwerten und in den Change-Prozess einfließen zu lassen. Überdies motiviert das Ernten von „low hanging fruits“, also den direkt realisierbaren Nachhaltigkeitsprojekten die Belegschaft wie das Management gleichermaßen.

Fazit:

An Nachhaltigkeit kommt heute keiner mehr vorbei – und gerade die Life Sciences haben als technologieorientierte Branche viele Möglichkeiten, durch Innovationen zu einer nachhaltigeren Forschung beizutragen. Das Umdenken hat bereits begonnen und vielen Unternehmen ist klar, dass sie an diesem Thema auch wachsen können.

Lesen Sie im nächsten Teil dieser Artikelserie vier Tipps, um der Greenwashing-Falle zu entkommen.

Dieser Artikel erschien in der Originalversion als Hermuth-Kleinschmidt, K. und Weigand, H. (2021): “Nach der Krise ist vor der Krise - Nachhaltigkeit in den Life Sciences” Laborpraxis 3/2021. https://www.laborpraxis.vogel.de/wie-geht-nachhaltigkeit-in-den-life-sciences-a-1010337/

  • Dr. K. Hermuth-Kleinschmidt, NIUB-Nachhaltigkeitsberatung, 79112 Freiburg
  • H. Weigand, karmacom GmbH, 79112 Freiburg

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