Nachhaltige Verpackungen Lebensmittel -
2022 im Trend?

20blue, 12.04.2022

Die Ergebnisse unserer Umfrage unter ausgewählten Branchenfachleuten entlang der Wertschöpfungskette in der Verpackungsindustrie zeigt: es ist viel in Bewegung, aber zu viel Innovation stehen die Expert:innen skeptisch gegenüber. Manifeste Hürden und wenig Austausch innerhalb der Supply Chain erschweren die Weiterentwicklung bei nachhaltigen Lebensmittelverpackungen.

Algen, Bambus, Gras, Stroh, Maisstärke, Pilzmyzel, PLA – innovative nachhaltige Verpackungsmaterialien gibt es viele; alternative Konzepte wie Unverpackt oder Refill-Systeme erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Kein Wunder, denn immer mehr Verbraucher:innen sind für das Thema Verpackungsmüll sensibilisiert und wünschen sich nachhaltige Lösungen. 76% der Befragten antworteten in einer Ipsos-Umfrage 2019 zum Beispiel, dass sie beim Einkauf auf Nachhaltigkeit achten und versuchen, die eigne Umweltbilanz zu verbessern.

Im Zusammenhang mit der dritten Auflage unseres Research Papers Ausgepackt (€€), das Sie hier direkt erwerben können, haben wir ausgewählte Branchenkenner:innen gebeten, an einer Umfrage teilzunehmen. Von den angefragten 301 Personen nahmen 54 an der Umfrage teil. Sie kamen aus allen Branchen mit einem Schwerpunkt in der Beratung, im Maschinenbau und Herstellung. Parallel dazu führten wir sechs Tiefeninterviews.

Gemischtes Bild

Unsere Kernfrage war: Entwickelt sich das Thema Nachhaltige Lebensmittelverpackungen im Jahr 2022 vom Nischenthema zum Mainstream? Welche der zahlreichen nachhaltigen Verpackungskonzepte sind für die Lebensmittelbranche tatsächlich relevant? Die Ergebnisse der explorativen Trendumfrage Nachhaltige Lebensmittelverpackungen 2022 zeigen ein gemischtes Bild.

Natürlich wirkt auch hier die aktuelle Weltlage: Corona hat das Thema Nachhaltigkeit zurückgeworfen, gleichzeitig sind Rohstoffmangel und hohe Energiepreise nicht erst seit Putins Angriff auf die Ukraine Aspekte, die die Verpackungsindustrie zum Sparen zwingen.

Vor Ausbruch des Krieges waren die Befragten hinsichtlich der Frage, ob das Thema Nachhaltige Lebensmittelverpackungen in diesem bzw. dem nächsten Jahr einen Durchbruch erleben wird, gespalten:

Einem häufig genannten „Ja, weil das Bewusstsein steigt” steht ein „Nein, weil kein Umdenken in der breiten Bevölkerung erfolgt” gegenüber; dem „Ja, aufgrund des politischen Drucks” ein „Nein, da es wenig Anreize gibt” oder ein „Nein, da es keinen gesetzlichen Zwang gibt”. Der häufigste Grund, warum die Befragten skeptisch sind, ist ein ökonomischer: „Keiner will die höheren Preise zahlen”, oder positiv ausgedrückt: „Nachhaltige Verpackungen können den Durchbruch erleben, wenn Verbraucher und Wirtschaft bereit sind, die höheren Preise zu zahlen.” 

Mythos Verbraucher:in

Verbraucher:innen, das zeigen die Detailantworten, wird eine entscheidende Rolle eingeräumt, ob und wie das Thema nachhaltige Lebensmittelverpackung sich beschleunigen lässt. In den Tiefeninterviews wird deutlich, dass der Verbraucherwille zur nachhaltigen, oft teureren oder „weniger schönen” Verpackung generell bezweifelt wird. Im Podcast #11 geht Anja Mutschler mit Prof. Dr. Katharina Klug und dem Verpackungsdesigner Magnus Fischer diesem Verbraucherwillen nach nachhaltigem Konsum auf den Grund. Im Research Paper Ausgepackt analysiert Prof. Dr. Sandra Meister dieses Bild vom Verbraucher kritisch und kommt zu anderen Ergebnissen.

AUSGEPACKT: Mythencheck nachhaltige Verpackungsmaterialien

Die dritte Auflage unseres Research Papers AUSGEPACKT: Mythencheck nachhaltige Verpackungsmaterialien ist erschienen.

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Interessant vor diesem Hintergrund ist, dass nicht Kundenwünsche, sondern Rentabilität und Regularien, als Umsetzungshürde gelten. Auch die Anforderungen an Logistik und Transport, die eine Verpackung erfüllen muss, erschweren einen Umstieg auf nachhaltige Verpackungslösungen. „Verbraucherwünsche” wurden in unserer Umfrage nur von 30% der Befragten aus Hürde genannt und damit genauso oft wie, Stand Januar/Februar 2022, „Fehlende Rohstoffe”.  Mehrfachangaben waren zulässig.

Mindestens drei der sechs interviewten Branchenexperten gaben allerdings im Gespräch an, dass der „Shelf Impact”, also die Wirkung der Verpackung im Laden, bei strategischen Fragen zur nachhaltigen Verpackung wesentlich sei. Auch „Umsetzbarkeit/Design” spielten in den Interviews eine deutlich größere Rolle als in der Umfrage. Möglicherweise sind diese „weichen”, jedoch komplexen Fragestellungen, bei denen viele Aspekte zusammenspielen die eigentlichen Killerkriterien für den Erfolg oder Misserfolg von Nachhaltigkeitsstrategien. Laut Magnus Fischer zumindest ist kein einzelner Faktor ausschlaggebend, sondern, die, wie er in einem Beitrag für das Research Paper schrieb [irgendwas mit holistisch/ganzheitliches Nachhaltigkeitsmanagement/Mut Fehler zu machen/Mentalität …]. In den einzelnen Antworten und Tiefeninterviews wurde „Rentabilität” aber auch als etwas beschrieben, das neben den Rohstoff- und Energiekosten von der Bereitschaft der Verbraucher:innen abhinge, höhere Preise oder weniger attraktive Verpackungen zu akzeptieren. Direkt oder indirekt wird die Machbarkeit von Nachhaltigkeit damit zu einer, oftmals vermuteten, Frage von Akzeptanz. 

Lieber recyceln als experimentieren

Welche sind die relevantesten alternativen Verpackungsmaterialien für die Lebensmittelbranche? Wir haben unsere Umfrageteilnehmer:innen darum geben, ausgewählte Verpackungsoptionen zu ranken. In der öffentlichen Kommunikation präsent sind sehr innovative Materialien wie Bioplastik oder Pilze. Die Auswahl der aktuell relevanten Verpackungen haben wir mit der Hauptautorin des Research Papers, Dr. Kerstin Hermuth-Kleinschmidt, erstellt.

Das Ergebnis dürfte überraschen: Die meisten Teilnehmenden wählten „Unverpackt” auf Platz eins, gefolgt von „Recyclebares Plastik / Rezyklat”. Bezogen auf die gesamte Rangfolge bildeten übrigens die etablierten und im Verpackungskontext verbreitetsten Materialien „Mehrwegglas”, „Recyclebares Plastik / Rezyklat” sowie „Papier / Pappe / Papierersatz” die Top 3.  

Mehrweg und Recycling stehen bei der Frage nach mehr Nachhaltigkeit vor neuen Lösungen wie Essbaren Coatings oder Pilzmyzel als Styroporersatz. Auch Biokunststoffe, obwohl sie zu den innovativsten Konzepten in Sachen nachhaltige Verpackungsmaterialien zählen, spielen noch keine relevante Rolle.

Im Gesamtbild der Umfrage passt diese eher bedächtige Auswahl ins Bild. 

Nach Ideen für andere Verpackungen gefragt, fällt den Befragten allerdings doch noch einiges ein. Mit dabei sind auch Bambus und Zuckerrohr – beide schneiden nach unseren Analysten des Research Papers in der Ökobilanz nicht gut ab.

Fazit

Die Ausgangsfrage, ob das Thema Nachhaltige Verpackungen den Mainstreammarkt erreicht, wird uneinheitlich beantwortet. Der Markt sieht manifeste Hürden und räumt eher inkrementellen Verbesserungen in Recycling und Mehrweg Chancen ein als disruptiven Innovationen. Bisweilen werden Klischees reproduziert, insbesondere gilt dies mit Blick auf den „geheimnisvollen Verbraucher”. Die Wünsche von Konsument:innen wurden in dieser Branchenumfrage nicht spezifisch untersucht, die Analyse von Studien in der aktuellen, dritten Auflage des Research Paper Ausgepackt zeigt aber, dass das Bild des „Verbrauchers, der ja nicht will“ fehlgeht bzw. veraltet ist. Manche dieser Mythen in Bezug auf die Umsetzbarkeit von Nachhaltigkeit und Verpackungen halten sich hartnäckig (im Übrigen auch unter den Verbraucher:innen, die in der Regel nicht wissen (können), wie nachhaltig eine Verpackung wirklich ist und nach Ästhetik und Markenphilosophie entscheiden). In den Tiefeninterviews zeigte sich, dass es jeweils ein anderer Zweig der „Packaging Supply” war, der aus Sicht des Befragten „mehr tun könne”. Das Gespräch zwischen allen Stakeholdern in der Verpackungsindustrie, ein Runder Tisch, scheint überfällig. Dass das Thema wichtig für die Branche ist, zeigen die Einzelantworten in Umfrage und Interviews. Auch die hohe Responserate von 17% spricht für eine hohe Relevanz des Themas. (üblich sind 2,5-10%).

Jetzt reinhören: unsere Podcast-Folge zum Thema Nachhaltiger Konsum

Podcast 20blue hour, Folge 11: Nachhaltiger Konsum

Gemeinsam mit der Konsumforscherin und Wirtschaftspsychologin Prof. Dr. Katharina Klug und dem Markenentwickler Magnus Fischer bringt Anja Mutschler von 20blue Licht ins Dunkel des nachhaltigen Konsums. Im Gespräch wird geklärt, was einen nachhaltigen Konsum ausmacht, wie vielschichtig Nachhaltigkeit von der Verpackung bis zur Produktion ist und warum wir nicht nur Endverbraucher:innen in die Verantwortung ziehen sollten, sondern Nachhaltigkeit bei den Unternehmen selbst anfangen sollte.

Von 20blue, 03.03.2022

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