Mental state/nation & Schönes, dennoch
blush & blue #002

Anja Mutschler , 05.04.2022

blush & blue: Kalt und warm. Optimistisch und nachdenklich. Heiter und tiefsinnig. Unsere zwei Unternehmensfarben weisen den Weg: Das monatliche Editorial von Anja Mutschler, Managing Partner des Research Institute 20blue spürt einmal im Monat den wichtigen Debatten und Zeitläuften nach. Mit Kopf, aber nicht kühl.

Hallo? Sind Sie da? Oder ebenso wie ich in Gedanken immer wieder woanders? Fragmente des Schreckens, die sich in Träume schieben, Lachen, das zu schnell erstirbt. Der zeitweilige Unwille, überhaupt noch etwas zu lesen und zu hören.

Gefeaturtes Schweigen

Als Performancekünstlerin hätte ich im aktuellen Podcast wahrscheinlich eine Stunde geschwiegen, denn gute Antworten gibt es keine. Bin ich aber nicht. Ein Debattenpodcast im klassischen Sinne konnte es auch nicht sein, deshalb ist die neue Folge der 20blue hour, Episode #12: „Es gibt nichts Gutes an einem Krieg“, ein Feature geworden. Eine Art gefeaturtes Schweigen. Vier Gespräche, vier Perspektiven auf diesen Krieg von Putin. Sie können eine Frau erleben, die versucht zu verstehen, emotional und intellektuell - ob es mir gelingt? Hören Sie rein.

Podcast 20blue hour, Folge 12: Es gibt nichts Gutes an einem Krieg

Die aktuelle Folge der 20blue hour beschäftigt sich mit einem aktuellen Thema: dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Wir nähern uns dem Thema aus vier unterschiedlichen Perspektiven, vier Menschen, mit denen Anja Mutschler als Vorbereitung auf diesen Podcast und zum Verstehen der aktuellen Ereignisse gesprochen hat.

Von 20blue, 01.04.2022

Nach einem Jahr Podcasten gesellt sich zur geliebten blauen Stunde ein Spin-Off, die 20blue minutes, ein kleiner Podcast. Er startet mit den 4 Interviews im O-Ton, die ich für das Feature geführt habe. In Anbetracht der vielen Arbeit ist der Podcast so etwas wie mein „Guilty Pleasure“ geworden, gerade in diesen Zeiten aber bin ich froh, ein Ventil zu haben, die Komplexität der Gegenwart im Gespräch zu entwirren, einen Denkraum zu haben. Was ist Ihr und Dein Denkraum?

Immer wieder die Frage: Was können WIR tun? Wir changieren zwischen dröhnendem Schweigen und fassungslosen Gesprächen, zwischen Preisdebatten und Spendenbereitschaft. Die Kriegsverbrechen der russischen Armee machen aus mittlerweile 41 Tagen Krieg 41 Jahre, oder, wie eine ukrainische Freundin in Deutschland bitter lachend neulich meinte, die „goldene Himbeere einer kriegsschuldigen Nation“ sei von Deutschland an Russland weitergereicht worden. Sie, sonst aufgeschlossen und offen, bekennt mittlerweile freimütig, „ich hasse Russen“. Der aus St. Petersburg geflohene „Maxim“ hat mir erzählt, wie präsent die parallele Wirklichkeitserzählung in Russland ist und dass sie seit 2014 sukzessive aufgebaut wurde. Wenn Lawrow in Anbetracht der Bilder aus Butscha ohne mit der Wimper zu zucken von einem „erfundenen Angriff“ faselt, wird mir klar, dass die Gräben zwischen Russland und der Ukraine, ja, der ganzen westlichen Welt, mittlerweile tiefer sind als der Mariannengraben.

Mental state/nation

Während wir über den Mental state von Putin rätseln, bieten uns die Ukrainer:innen eine Stärke an, die zumindest mich umhaut. Eine „Gemeinschaft auf Leben und Tod“ par excellence. Der ehemalige Boxweltmeister und Botschafter der Ukraine, Wladimir Klitschko dankt uns Deutschen, indem er ohne Scheu unsere Nationalhymne zitiert.

blush & blue: Kalt und warm. Optimistisch und nachdenklich. Heiter und tiefsinnig. Unsere zwei Unternehmensfarben weisen den Weg: Das monatliche Editorial von Anja Mutschler, Managing Partner des Research Institute 20blue spürt einmal im Monat den wichtigen Debatten und Zeitläuften nach. Mit Kopf, aber nicht kühl.

Was geschieht hier gerade? Ich empfehle das Buch von Dieter Langewiesche zum Krieg, über das ich auch in der neuen Ausgabe der 20blue hour zum Krieg kurz spreche. Es ist erhellend insofern, dass es uns Kriegs-Unerfahrenen zu erklären vermag, was Kriege mit Völkern machen: Nationen ausbilden, denn „im Krieg entfaltet die Nation am stärksten eine Vorstellung von sich selbst“, schreibt der emeritierte Geschichtsprofessor aus Tübingen (auf HSoz-Kult eine ausführliche Rezension).

Die Künstlerin Marina Abramovic, eine weltweit bekannte Performancekünstlerin, die sich mehrfach dem Tod ausgesetzt hat, wundert sich mutmaßlich am wenigsten über die mentale Stärke, die öffentliche Gesichter der Ukraine uns derzeit präsentieren. Hier spricht die serbische Künstlerin 2020, beinahe prophetisch, in Kyiv über „Artist Body/Public Body“. Wir Wohnzimmerpazifisten wissen nichts mehr über die Körperlichkeit des Krieges, und die Frage, wie man sich gegen die tatsächliche Bedrohung, verletzt zu werden, wappnen kann. Ein Klitschko, ein Selenskyj oder auch die ukrainische Frauenarmee von Olena, über die der Podcast „Women in War“ von radioeins berichtet, hingegen schon.

Abramovićs Philosophie in a nutshell:

Zugleich gibt es über 4 Millionen Vertriebene, die Zahlen steigen. Vor allem Frauen mit Kindern, die vor einigen Wochen noch ein Leben wie Du und Ich geführt haben. Mein Gespräch mit Kerstin Bandsom von der Welthungerhilfe, die in der Grenzregion der Ukraine unterwegs war, allein dieses Gespräch möchte ich denen vorspielen, die in seltsamen geschichtswissenschaftlichen Verrenkungen versuchen, Gründe pro Putin zu finden! Man mag Gründe finden, warum Putin diesen Krieg gestartet haben, aber nichts rechtfertigt diesen Krieg. Das ist ein großer Unterschied.

N wie nachhaltig, n wie notwendig

Ich wehre mich dagegen, Chancen zu benennen, die dieser Krieg auslöst, weil es mich zutiefst deprimiert, dass immer noch, wie der griechische Philosoph Heraklit im 5. Jahrhundert vor Christus, schrieb, der „Krieg […] aller Dinge Vater“ sei. Aber mit den Ergebnissen dieser Invasion müssen wir alle nun umgehen. Vor dem Hintergrund neuer Krisen: Energie, Ernährung, Inflation. Und vor dem Hintergrund bekannter Krisen: die Klimakatastrophe hört nicht auf, weil wir gerade keine Zeit dafür haben. Nachhaltigkeit wird in diesen energiearmen Tagen (da kommt noch was, meine These!) zur Notwendigkeit. Nachhaltigkeit in ihrer einfachsten und radikalen Form ist: weniger verbrauchen. Und das, was man verbraucht, wieder verwenden. Für ein Update unseres Research Papers „AUSGEPACKT“ habe ich mit einigen Branchenexperten und Wissenschaftlerinnen gesprochen. Der Tenor dieser Fachleute war einhellig: inkrementelle Verbesserungen und Einsparungen sind das, was am ehesten funktionieren kann. Was aber fehlt, ist der runde Tisch, an den sich alle aus der Lieferkette Verpackung setzen, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Ich habe schon verzweifeltere interdisziplinäre Runden moderiert - und bin gespannt, ob nächstes Jahr die Antwort, ob Nachhaltigkeit in der Verpackungsbranche zum Mainstream wird, eindeutiger JA ist als noch im Januar/Februar diesen Jahres.

AUSGEPACKT: Mythencheck nachhaltige Verpackungsmaterialien

Die dritte Auflage unseres Research Papers AUSGEPACKT: Mythencheck nachhaltige Verpackungsmaterialien ist erschienen.

Research Paper: Ein wissenschaftlich fundierter, zugleich anwendungsbezogener Einblick in aktuelle Debatten. Wir nehmen Makro- und Mikrotrends unter die Lupe, prüfen die Fakten und entwickeln mit interdisziplinärem Blick praktikable und stimmige Lösungswege.

Jetzt für 99,00 € kaufen
In unserem neuen Shop Edition 20blue können Sie das aktuelle Research Paper erwerben, die 3. Auflage beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Frage, wie Innovation gelingen kann und ob es wirklich an Verbraucher:innen liegt, dass echte Nachhaltigkeit bislang floppte:

Dennoch: Schönes

Schönes, über das ich mich freue, gibt es dennoch: Das Büro unserer 20blue Projekt GmbH im Plagwitzer Bahnhof in Leipzig ist bald fertig eingerichtet und wir freuen uns über Besuch. Silvia Merk ist seit 1. April 2022 wieder im Team - als Sparringpartnerin für alles rund um Finanzen und Prozess-/Projektmanagement. Ein schönes Entlastungsgeschenk, das uns wachsende Umsätze beschert hat, vielen Dank an tolle alte und neue Kunden! Und ich habe herausgefunden, dass Marina Abramović Workshops anbietet, in denen man unter anderem fünf Tage schweigt. Ich habe mich auf die Warteliste eingetragen.

Herzliche Grüße von einer Frau, die dieser Tage häufig versucht zu verstehen.

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