Na, wie schlägst du dich heute so? Future Slam zum Ende der Teflon-Ära:
blush & blue #003

Anja Mutschler , 05.05.2022

Aussitzen, abwägen, freundlich nicken und ewig nachdenken, alles Attribute von gestern. Was es jetzt braucht, sind Entschlossenheit und Mut. Die Melancholikerin in mir ist stark derzeit. Aber bei einem schönen Maienspaziergang konnte ich ihr folgenden alternativen Zukunftsplan unterbreiten.

Gestern wurde ich nach meiner Zukunftsvision befragt. Die einzige Anforderung in der Future Lounge der D2030-Initiative: sie möge Mut machen. Wer das Podcast-Feature „Es gibt nichts Gutes an einem Krieg“ (20blue hour #12)von mir gehört hat, weiß: es fällt mir gerade schwer. 

Es fällt mir schwer, weil „Widerstandsfähigkeit“ nur dann funktioniert, wenn der Widerstand ein Ziel hat - aber welche Zukunft die neue Ära bereithält, auf welches Ziel wir hinstreben sollen, ist gänzlich unbekannt. Alles hängt von unserer Fähigkeit ab, die in der Luft liegende Spannung auszuhalten. Die Gleichzeitigkeit von Normalität und abnormen Gefahren irgendwie wegzustecken. Die Frage „Wie geht’s dir?“ sollte umbenannt werden in „Wie schlägst du dich heute so?“.

Für mich ist die Zeitenwende gleichbedeutend mit dem Ende der Teflonära. Intellektualität als solche muss sich ändern. Aussitzen, abwägen, freundlich nicken und ewig nachdenken, das sind alles Attribute von gestern. Was es jetzt braucht, sind Entschlossenheit und Mut. Nachdem ich dem Veranstalter also beinahe wegen akuter Zukunftslosigkeit abgesagt hätte, habe ich der Melancholikerin in mir, die von derselben Zitze genährt worden ist wie all die anderen Zauderköpfe, bei einem schönen Maispaziergang einen alternativen Zukunftsplan vorgeschlagen.

Er lautet:

Nach dem Ende der Teflonära gilt:

Ich erläutere:

#1: SCHNELL HANDELN

Das größte Pfund der amerikanischen Gesellschaft war lange ihre Fähigkeit, sich neu zu erfinden, ständig. The land of the free, heute mehr Utopie als Wirklichkeit, bedeutete einst: nimm dein Schicksal in die eigene Hand. Vorausschauend zu handeln, ist derzeit nicht en vogue. Sollte es aber, denn: Corona, Klima und nun der Krieg – nicht handeln, ist keine Option. Wie viele Menschen sind über unser Nachdenken gestorben? Wie viele werden es noch tun? Schnell handeln meint nicht, überhastet zu handeln. Sondern im Angesicht der Tatsachen gute Entscheidungen zu treffen, mit all dem Wissen, das verfügbar ist. Zur Geschwindigkeit gehört auch Gefühl, denn nur, wenn ich die Geschehnisse an mich heranlasse, sehe ich den dringenden Handlungsbedarf. Es ist, ich sagte es bereits, das Ende der Teflonära. Dazu gehören auch Fehler, sie passieren. Was hilft dann? Sie schnell zu korrigieren. Atmet, Perfektionist:innen dieser Welt! Ein Fehler ist ein Fehler und nicht mehr. 

#2: EHRLICH SEIN

Fehlerkorrektur heißt auch, ehrlich zu sein. Höflich formuliert sind wir Deutschen davon noch sehr weit entfernt. Strategisch zu handeln, heißt bei uns in der Regel: zu manipulieren. Vorne hui, hinten pfui, ist immer noch das beliebteste Spiel größerer sozialer Gruppen. Lästern wird sogar eine Funktion für eine gesunde Psyche zugeschrieben. Aber wieso? Weil wir denken, wenn wir ehrlich miteinander umgingen, bedeute dies zwangsläufig Verletzung? Oft ist es ja so: Kritik ist ein soziales Machtinstrument. In der idealen Kommunikation, die wir uns im interdisziplinären Raum im Übrigen besonders vor Augen führen sollten, allerdings herrscht Hierarchiefreiheit. 

Jürgen Habermas, Sie werden seinen Namen kürzlich wohl gelesen haben, wurde in den 1970ern bekannt mit seiner Diskursethik. Er sagt: Offenheit, Transparenz, Wahrhaftigkeit und Redlichkeit sind wichtige Kriterien für ein gutes Gespräch. Hier können Sie eine kompakte Zusammenfassung dazu lesen, die sich auch für schnelle (s.o.) Entscheider:innen eignet. 

Unter diesen Umständen gilt: Eine gute Kritik ist das beste Feedback, das wir bekommen können! Eine gute Kritik erkennen Sie daran, dass sie die Gegenrede ermöglicht, weil sie auf Grundlagen basiert, über die man diskutieren kann (Haltungen, sozialen Normen, Fakten, alles jenseits von „weil halt“). Wissen Sie, wie viel Zeit Sie sparen, wenn Sie freundlich und offen miteinander umgehen? Probieren Sie es mal. Denn unsere Zeit ist, s.o., derzeit knapp. 

Wer Feedback verträgt und weiterkommen will, ist mit unseren Research-Leistungen der Konkurrenz immer voraus: unsere interdisziplinären Expert Hubs verschaffen Klarheit und Weitblick.

#3: FRUGALER LEBEN

Sehen Sie sich mal um? Ich zum Beispiel habe sehr, sehr viele Stifte. Klaro, ich komme aus einem Künstlerhaushalt, ich schreibe gern und ich habe zwei fast fertige Kinder, deren Stifte ich sozusagen geerbt habe. Aber trotzdem: brauche ich 37 rote Buntstifte? Rhetorische Frage. Es macht wahrscheinlich noch nicht einmal einen Unterschied, ob ich ein Auto habe oder nicht, oder ob ich 3 statt 10 Kleider besitze. Die First Mover des Minimalismus werden sich jetzt müde die Schenkel kratzen, weil sie den Sprung zum Post-Materialismus schon geschafft haben. Aber, herrjeh, es geht ja nicht mehr ums Wollen, sondern ums Müssen. Die Phase des Wohlstandsversprechen ist vorbei: Eigentum wird a*teuer, mit Aktien reich werden nur noch Zocker, die Inflation ist hoch, die Zinsen sind niedrig, die Staatsverschuldung läuft sich warm und überhaupt - ist es noch gut, Objekte zu horten? Cool auf keinen Fall. Das zarte Pflänzchen nachhaltiger Lebensweise bekommt gerade tüchtig Dünger. Der Sozialstaat wird künftig ebenso tüchtig beschäftigt sein, die Verwerfungen auszugleichen. Der Coolness-Faktor des Minimalismus wird uns Wohlhabenderen also in Form von höheren Steuern wohl ausgetrieben (zumindest denen, die noch für ihr Geld arbeiten müssen). Aber wissen Sie was? Ich glaube, dieses Leben muss nicht schlechter sein.

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#4: MEHR EPIKUR WAGEN

Denn Dinge per se machen uns ja nicht glücklich. Der soziale Effekt des Besitzes und Konsums hingegen schon. Wenn aber die ganze Gemeinschaft bis auf ein paar verrückte Metamänner beschließt, weniger sei mehr, dräut neue Unbeschwertheit. Die besten Abende sind die einfachen - ich bitte Sie, das haben Sie doch schon oft gedacht, oder? Epikur war ein griechischer Philosoph, der schulterzuckend zur Kenntnis nahm, dass wir alle jederzeit sterben könnten. Seine Schlussfolgerung: dann bitte, genieß den Tag, als sei er dein letzter. Deinem toten Ich ist es nämlich egal, ob du alle Pflichten erfüllt hast oder nicht. Viel später entwickelte sich daraus verquerer Ballermann-Hedonismus, daher ist es unbedingt wichtig, auf die Freude in Erwartung des jederzeit möglichen Todes hinzuweisen: eine Freude, die sich ihrer Endlichkeit bewusst ist, ist auch demütig. Freude ohne Vernunft, oder griechisch: Phronesis, gibt es bei Epikur im Übrigen auch nicht. Wer den wackeren Ukrainer:innen dabei zusieht, wie sie versuchen, unter unmöglichen Umständen Freude zu finden, mag ein Vorbild finden. Freude und Entspannung sind wichtige Begleiter gerade in düsteren Zeiten.

Ein Junge versucht in einer U-Bahn in Charkiw eine Pflanze zu züchten, ganz ohne Licht. Der Frontal21-Journalist Arndt Ginzel hat ihn besucht und berichtet im verlinkten Beitrag darüber.

#5: AMBIGUITÄT AUSHALTEN

Resilienz ist Widerstandsfähigkeit. Widerstandsfähigkeit ist ein Schutzschild gegen die Unbill des Alltages. Das ist aus meiner Sicht nach dem Ende der Teflonära nicht die richtige Antwort. Denn Resilienz hat auch etwas von abtropfen lassen, den Dingen nicht so sehr auf den Grund gehen. Das mag in der Zeit vor der Zeitenwende im Februar 2022 funktioniert haben, denn in der Strategie „Wandel durch Handel“ lag eine gewisse Schlumpigkeit. Es war eher besser, nicht so genau hinzusehen. 

Jetzt ist es wichtig: genau hinzusehen und auf alles mögliche vorbereitet zu sein, sich aber trotzdem nicht in den Höllenschlund der Negativität herabziehen zu lassen. Diese Spannung auszuhalten, ist DIE Herausforderung auf individueller als auch auf systemischer Ebene: 

  • die Spannung für Unternehmen, in einer global vernetzten Branche und zugleich einer nationalen Kriegswirtschaft zu agieren (lesen Sie hier von den Auswirkungen der „Knappheitskrisen“)
  • der kommunikativ sorgfältig begleitete Eiertanz einer Politik zwischen Abschottung und Diplomatie, 
  • und für jede:n von uns die Ambiguität von Anspannung und Entspannung

Die Spannung auszuhalten, ist die neue Zukunftsfähigkeit: individuell und systemisch. Die Zukunft ist nicht einfach, aber möglich.

Ich sage nicht, das sei einfach. Ich glaube, die Zukunft wird härter.

blush & blue: Kalt und warm. Optimistisch und nachdenklich. Heiter und tiefsinnig. Unsere zwei Unternehmensfarben weisen den Weg: Das monatliche Editorial von Anja Mutschler, Managing Partner des Research Institute 20blue spürt einmal im Monat den wichtigen Debatten und Zeitläuften nach. Mit Kopf, aber nicht kühl.

Leider nicht getäuscht


Lieber hätten wir uns mit dieser These getäuscht: Als wir Nimirum letztes Jahr in 20blue umbenannt haben, haben wir die 20 als Signum für die Fragilität von Wandel gewählt: die 1920er Jahre und das 21. Jahrhundert (20xx), aber auch die 2020er selbst, waren und sind Zeiten, in denen das Gute und das Schlechte eng beieinander liegen. 20 heißt: es kann auch schiefgehen. Höllisch schief. Nicht weg- sondern hinsehen, ist die einzige Konsequenz, die mir dazu einfällt.

Und Haltung zeigen: Haben Sie unseren Bundeskanzler Olaf Scholz auf der DGB-Veranstaltung am 1. Mai schreien hören? Wütend war er. Und entschieden. Endlich, dachte ich. Das Ende der Teflonära ist endlich eingeläutet. Die Ära der Entschiedenheit hat begonnen.

Das ist meine Zukunftsvision. Und Ihre?

Danke auch an Jan Urbich aus unserer Expert Community, der als Philosoph und Lektor sicherstellte, dass der Text hält, was er verspricht. Und danke allen Teilnehmer:innen der Zukunftlounge von D2030, die mich gestern ohne Heitateita, aber mit Perspektiven aus meinem Zukunftsloch geholt haben. Viel Futter zum Nachdenken - dessen Ergebnis ihr in einer der nächsten Podcasts oder Editorials sicher zu hören bekommt. Oder einem unserer Beiträge im Newsroom.

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