Logistik zwischen Covid, Klimakrise und Krieg
Teil 4: Trends ohne Gewähr

Kristian Schulze , 24.08.2022

Wie bewegen wir aktuell unsere Güter? Kristian Schulze beleuchtet in 5 Artikeln 5 Trends, die die Logistik aktuell und längerfristig prägen werden. Teil 4: warum Trends so beliebt und gleichzeitig so ungenau sind und warum wir manchmal nachhaltigen Wandel statt Disruption brauchen.

Die vom Silicon Valley ausgehende Technik-Revolution hat ein Denken befördert, in dem disruptive technische Innovationen wirtschaftliche Probleme lösen können – nicht zuletzt solche, die durch disruptive Entwicklungen entstehen. In vielen Beträgen zum Thema Innovation erscheint „Disruption“ daher positiv konnotiert, als „fortschrittlich“ gedacht. Dieser Optimismus kann zu Missverständnissen führen. Denn an sich sind ja Störungen für viele Branchen eher ein teures Ärgernis, das zu Anpassungen zwingt und dadurch Mittel bindet, eher als dass sie hilfreiche Innovationen bringen.

Gerade jetzt, mit durch Pandemie und Krieg gestörten Lieferketten (supply chain disruption!), könnte man annehmen, das Wort würde weniger en vogue sein. Doch von einer zumindest im Frieden denkbaren durchdachten, vielleicht langsameren, aber nachhaltigeren Innovation wird nach wie vor nur ungern geredet und dabei übersehen, dass die sanfte Innovation vielleicht die schlauere sein könnte.

Für die Logistik könnte das seinen Grund auch in einem brancheninternen Ungleichgewicht haben: High Tech, etwa in Lagern, trifft auf eine noch immer recht umständliche, teure und wenig innovativ anmutenden „letzte Meile“ zum privaten Endkunden und für die Industrie auf viele „schmutzige“ Meilen von einem Ort zum anderen. Bereits realisierte Möglichkeiten der Digitalisierung in dem einen Bereich, KI-Steuerung von Prozessen und Lieferungen, Robotik in Lagern, eine hohe Effektivität in Intra- und Multichannel-Logistik auch schon bei Bestell- und Bezahlvorgängen treffen auf geradezu altbacken wirkende Bereiche, auf tatsächlich älteres und ungeschultes Personal, auf im Prinzip alte Transportmittel in überalterten Verkehrsnetzen.

Natürlich werden da Lösungen gesucht und gezeigt, leider oft in mit Optimismus gedopten Hitlisten in beliebiger Zahl – von den „4 wichtigen Trends für 2022“ über „Top 6 Logistik-Trends“ für 2022, „8 Megatrends der Logistik von Fraunhofer SCS“, über „die Top 10-Trends der digitalen Logistik“, hier weiteren zehn, bis zu den 10 wichtigen Trends für die nächsten 20 Jahre und letztlich ganze 29 Trends, „die Logistik-Zukunft prägen“.

Das allgegenwärtige Präsens blendet die Unsicherheiten aus. Doch die wenigsten wissen, was wirklich im Futur steht. Und wüssten wir es, wäre solche Innovation nicht mehr disruptiv, denn vorhersehbare Entwicklung ermöglicht Anpassung.

Darum will man ja, „Zukunftstrends erkennen und beherrschen“ oder es versuchen, darum ist „wichtig, heute schon zu wissen, was morgen State-Of-The-Art sein wird“, wie das Fraunhofer die Aufgabe ja richtig beschreibt. Und ja, nicht alles sind Luftschlösser, was da an- und aus- und teilweise auch weitergedacht wird, antizipiert und entwickelt. Vieles ist interessant und einiges wird wohl Zukunft bestimmen. Das kann helfen, böse Überraschungen zu vermeiden, vor allem wenn neben heutigen auch mögliche Probleme der Zukunft gesehen werden. In vermeintlich die eine disruptive Lösung kann aber auch viel Grips und Geld fließen und verschwendet werden. Hier eine Auswahl:

Drohnen über der Stadt

Fast schon ein „Klassiker“ in dieser Kategorie: Paket-Drohnen. Bald ein Jahrzehnt nachdem Amazon, namentlich Jeff Bezos, diese für in „vier, fünf“ Jahren angekündigt hatte, ist man trotz Milliarden-Ausgaben und großer Teams noch immer weit davon entfernt. In vier Monaten sollen 2021 fünf Drohnen abgestürzt sein, eine dabei ein Buschfeuer ausgelöst haben, was die Kernfrage hier aktualisiert: Ob der Aufwand für Sicherheit bei massenhaftem Drohnen-Einsatz in dicht besiedelten Städten gegenüber Einsparungen am Boden jemals lohnt? Es müsse aber wohl erst jemand sterben, damit das Thema Sicherheit ernst genommen werde, wird ein Ex-Projektmanager zitiert.

Dabei kann es natürlich sinnvoll sein, nach Einsatzmöglichkeiten von Drohnen zu forschen, bei Transporten zu Windparks im Meer etwa, bei der Lieferung von Material in schwer zugängliche Gegenden. Auch in Katastrophenfällen könnten sie Helfern am Boden wichtige Informationen liefern und Medikamente an schwer zugängliche Orte, Nahrung, ein Telefon. Solche Nutzungen in Spezialfällen mögen ihren Sinn haben – womöglich ja auch mal für die kommerzielle Versorgung von Berghütten.

Welche Wege durch die Luft über uns oder durch unterirdische Luftröhren führen können, ist natürlich interessant und spannend, daher lohnt ein Blick, was sich bei Volocopter tut. Das Unternehmen aus Bruchsal ist der deutsche Vertreter in einem teuren weltweiten Rennen um das erste Flugtaxi. Bisher ist dergleichen noch nirgendwo zugelassen. Seit der Gründung 2011 hat Volocopter aber unter anderem bei der Deutschen Bahn, Intel und Mercedes-Benz schon über 495 Millionen Euro eingesammelt. Ex-Mercedes-Benz-Chef Dieter Zetsche, der im Volocopter-Beirat sitzt, soll privat in das Unternehmen investiert haben: „Wenn das funktioniert, ist es eine neue Welt“, wird er zitiert.

Was hat das mit Paket-Drohnen zu tun? Nun, sollte es Volocopter tatsächlich in den städtischen Luftraum schaffen, würde dieser für Paket-Drohnen noch enger. Doch so oder so dürften Paket-Drohnen für Ballungszentren, die immer das eigentliche Ziel solcher Überlegungen sind, wohl keine absehbare Lösung sein. Die Risiken dabei sind vermutlich nicht beherrschbar, individuelle Lieferungen in Städten mit ihrer immensen Belastung des städtischen Verkehrsraums wohl nicht so einfach in die Luft zu verlagern. Mit dem autonomen Fahren – auch ein häufiger genannter Trend – kommt man da vermutlich eher weiter und vielleicht sogar mit dem guten alten Fahrrad.

3D-Druck während der Lieferung

Noch ein Beispiel: „Der Lieferwagen 4.0 ist kein reines Zustellauto mehr, sondern funktioniert als rollende Fabrik“, heißt es in einer der oben genannten Hitlisten: Im Inneren sollen Waren per 3D-Drucker auf dem Weg zum Kunden hergestellt werden. Noch sei das aber „Zukunftsmusik, denn die technischen Probleme der Produktion während der Fahrt sind enorm“. Und das mag sein. Wirklich enorm ist aber vor allem das Problem, dass hier „rollende Fabriken“ in die Städte sollen – nicht kleine, weniger Parkraum und Energie verbrauchende Fahrzeuge. Welche Vorteile das für wen haben soll, erschließt sich heute noch kaum. Der Aufwand dagegen erscheint enorm.

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„Logistik als Experience“ und „Servitization“

Und auch beim nächsten Beispiel kann gefragt werden: Ist das noch Logistik? So wird hier etwabehauptet, Verbraucher wollten heute „nicht nur etwas kaufen, sondern etwas erleben“ und: „Was der Kundschaft bei der Online-Bestellung fehlt, ist der Gang ins Geschäft und damit das sinnliche Erlebnis.“ Bei einigen Kunden und Produktarten mag das stimmen. Für die Mehrheit der online-Bestellungen aber dürfte das Motiv in eben gerade der Vermeidung „sinnlichen Erlebens“ liegen, etwa beim Schleppen schwerer Einkäufe. Man kann also gut und gern auch davor warnen, Leute mit derlei Dingen zu nerven und Lieferanten mit solchen Anforderungen endgültig zu überfordern.

In eine ähnliche Gruppe fällt das Schlagwort von der „Servitization“ in der Logistik mit Dienstleistungen wie der vorausschauenden Wartung, die für Lieferanten an Bedeutung gewinnen und neue Wirtschaftszweige und Geschäftsmodelle entstehen lassen können. Doch auch hier wieder die Frage: Ist das noch Logistik? Was sollen Lieferanten noch alles tun, anstatt „einfach nur“ schnell, sicher und günstig viele verschiedene Produkte zu liefern? Und welche Vorteile sollen weniger Arbeitsteilung und Spezialisierung hier bringen?

Antizipatorische Logistik

Fragwürdig erscheinen auch Vorstellungen einer „antizipatorischen Logistik“, bei der Händler „heute schon wissen, was Kunden morgen bestellen“, entsprungen wohl dem unerfüllbaren Wunschdenken der Händler und einem fragwürdigen Menschenbild. Big Data und KI werden zwar sicher noch einiges dazu beitragen können, Bestellungen und Lieferungen zu optimieren. Einen vollständig berechenbaren Vertragspartner werden sie aber nicht erschaffen können – hoffentlich wenigstens.

Immerhin liegt hier der Fokus ungewollt aber schon auf sozialen Aspekten des Themas, sonst ja vor allem auf technischen und organisatorischen, was ein Manko ist. Noch immer wird hier zu wenig wirklich vom Ziel her gedacht – vom Menschen.

Fazit:

Viel stärker als die eine innovative technische Lösung werden in der nächsten Zeit insgesamt aber wohl bekannte Probleme weiter das Bild bestimmen – die laufende Digitalisierung etwa, Kostendruck, Personalprobleme, mehr Kooperation in der Logistik, Klimaschutz und die Energiewende auch hier. Dabei bleibt Geschwindigkeit ein Thema und vor allem die Frage nach den Verkehrsmitteln, Wegen und Netzen der Zukunft. Da braucht es viele Lösungen für viele Probleme, die ineinander greifen können, weniger die eine große Lösung für ein Problem, das manchmal gar keines ist.

Zur Person

Kristian Schulze

Kristian Schulze arbeitet als Journalist, Redakteur und Reporter in Leipzig, wo er Journalistik und neuere Geschichte studiert hat.

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